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Full text of "Franz Grillparzer"

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Fran 








.,Oe«(errcich« Slolz onil Erquickung." 

Heinrich Laube. 



Von 



Dr. Constant von Wurzbach. 



-A. 



WIEN, 1871. 

Verlag der Ed. Hagel'sch'en Bachhandlung. 



•t 



PT22G7 



Jemand theilte die Bevölkerung einer grossen Stadt in 
drei Klassen; die erste besteht aus Leuten, die ihre Hals- 
binde an der rechten Stelle tragen, die zweite aus Men- 
schen, die das Herz auf dem rechten Flecke haben, und die 
dritte aus Wesen, die weder Halsbinde noch Herz haben. 
Diese Eintheilung lässt viel oder wenig zu w^ünschen übrig, 
jedenfalls ist sie präzis und wahr ; unser Dichter, dessen 
Leben w^r heute erzählen wollen, gehört in die zweite 
Klasse, nämlich zu den Menschen, die das Herz auf dem 
rechten Flecke haben. Dass man doch dies von allen Poeten 
sagen könnte! Wenn nicht von allen, so doch von allen 
grossen Poeten gilt dieser Satz. Und Grillparzer ist ein 
grosser Poet. Grosse Dichter sind grosse Seelen und diesen 
ziehen die Schmerzen nach wie den Gebirgen die Gewitter, 
aber an ihnen brechen sich auch die Wetter, und sie w^er- 
den die Wetterscheide der Ebenp unter ihnen. Die Dich- 
tungen eines Tasso, Camoens, Milton, Schiller sind zum 
Theile Schmerzensklänge, welche ihnen im Kampfe mit 
dem Geschicke entfuhren. Sollte man nicht ein Gleiches von 
Grillparzer s Dichtungen sagen können? Weiss Grillparzer 
auch von keinem Kampfe mit dem Geschicke zu erzäh- 
len, einen Kampf mit 'seinem Innern, und w^elchen 
hat er bestanden! Schmerz ist der Vater, Liebe die 
Mutter seiner Poesien. Man muss ja nicht immer die 

1* 




Wunden bluten und die Augen feucht sehen. Das ist oft 
das grösste Weh, wenn das Auge keine Thränen finden 
kann. An grossen Seelen gehen die Erbärmlichkeiten der 
Alltagswelt so gut wie spurlos vorüber. Neider und 
Uebelwollende, welche Anderen durch die tible Nachrede zu 
schaden trachten, hat es immer gegeben. Solche Armselig- 
keiten reichen bei grossen Seelen nicht aus, ihnen das Leben 
zu verbittern. Wird auch für den Augenblick die Empfind- 
samkeit gereizt, so war es nur für den Augenblick, dann 
nimmt die Sache wieder ihren Verlauf, und in kurzer Zeit 
ist Alles wieder im Geleise, als wäre nichts geschehen. 
Aber es gibt tiefere Leiden als jene, welche uns die Laune 
der schalen Alltags weit zuzufügen vermag; wer diese Lei- 
den kennen lernen will, wird sie, in unsterbliche Gedanken 
gefasst, in den Schöpfungen der grossen Poeten finden. 

Der Lebenslauf solcher Menschen, deren Leben zu 
beschreiben entweder interessant oder eine Pflicht ist, 
bietet drei Hauptmomente dar; nämlich das äussere Leben, 
des Menschen Werden, Wachsen, seine Stellung in der 
bürgerlichen Gesellschaft u. d. m. ; das innere Leben, des 
Menschen Denken, sein geistiges Schaffen und die Gesammt- 
lieit des inneren und äusseren Lebens in ihrem Verhältniss 
zur Menschheit, oder des Menschen Bedeutung flr die 
Zukunft. Etwas Einfacheres als Grillparzer s äusseres Leben 
dürften wenige Koryphäen der Literatur aufzuweisen haben. 
Franz, geborenzuWienam 15. Jänner 1791, ist der Sohn eines 
geachteten Advokaten in Wien, dem wohl das von einem W. 
Grillparzer herausgegebene Schriftchen: „Von der Appel« 
lation an den römischen Stuhl" (Wien 1785) zuzuschreiben 
sein dürfte. Woher Grillparzer s Familie stamme? ob aus- 
Ober- oder Niederösterreich, mit dieser Frage hat man sich, 
nachdem er berühmt geworden, gern beschäftigt. Holtei, 
wenn ich nicht irre, war der Erste, der über den Namen grü- 



5 



belte und sich bei dem Dicliter selbst Aufklärungholte. „Parz*S 
hergeleitetvonParzelle, heisst beiden Landleuten im Erzherzog- 
thum so viel als ein Grundstück, ein abgetheiUes Feld; so sagt 
man Mühlparz, Dorfparz, Bergparz u. s. w. Ein Ahnherr 
unseres Grillparzer besass wohl ein Häuschen mit einer 
Wiese, die von Grillen wimmehe und daher „der Grillen- 
parz", und der Eigenthümer Grillparzer hiess. Da meint 
denn Holt ei, einen passenderen Namen hätte Franz kaum 
erhalten können, da er ja häufig in seiner Ecke sitze und 
„Grillen fange", während ihm auf seiner Wiese in sma- 
ragdnem Grün, von silberreinen Bächen durchflössen, der 
duftigste Frühling erblühe. Kaum war das philologische 
Gebiet in den Nachforschungen über des Namens Ursprung 
betreten worden, war schon die Geschichtsforschung auch da 
und nun wurde in Anton Ritter von Spaun s Werk über 
Heinrich von Ofterdingen Seite 34 ein Dorf Grillparz 
entdeckt, dessen schon in den Urkunden des 12. Jahrhun- 
derts Erwähnung geschieht, und ein Zweiter, Namens 
Archieophilos, vindicirte das Geschlecht der Grillparzer 
wieder seinem wahren Stammlande, nachweisend, dass 
im alten Wiener Gerichtsbuche Tom. H. p. 154 und 
Tom. III. p. 115 Grillenparzer zu Soss und Pellendorf sich 
vorfinden, denen zufolge die Familie der Grillparzer als eine 
kemösterreichische Familie bereits im fünfzehnten Jahrhun- 
dert in der Umgegend Wiens sesshaft sich gestaltet. Ei 
was, ob aus dem fünfzehnten oder neunzehnten Jahrhundert, 
das ist wohl einerlei, wenn man Grillpai'zer ist. Mit den 
Jahrhunderten, die sein Name in der Zukunft leben wird, 
wird er den Mangel genealogischer Daten für die Vergan- 
genheit ausgleichen. Der Adel wahrer Poeten unterscheidet 
sich nur insofern vom Geburtsadel, dass dieser nach der 
Vergangenheit, jener nach der Zukunft seine Jahre zählt. 
Nicht etwa dass ich den Geburtsadel desswegen gering- 



schätzte; wenn alle Vorzüge, Gesundheit, Schönheit, Jugend, 
Reichthum, Verstand, Talente gelten sollen, warum soll 
nicht auch der Vorzug, dass man einer Reihe tapferer, 
bekannter, ehrenvoller Männer entsprungen ist, irgend eine 
Art Giltigkeit haben? Aber wenn man Grillparzer ist, so ist 
jeder andere Vorzug überflüssig; und erscheint auch Grill- 
parzer s Name nicht in den Turnier büchern und in den Listen 
der Carrousseltänzer auf prinzlichen Hochzeiten und Freude- 
festen, so hat doch kein Name eines Hochtory den Aussprach 
aufzuweisen, den Lord Byron von Grillparzer' s Namen 
gethan: „die Aussprache dieses Namens sei schwierig, doch 
werde die Nachwelt sich daran gewöhnen müssen." 

Im Ehernhause erhielt Grillparzer eine gediegene 
Erziehung; wie seine Kindheit dahin ging, ist wenig 
bekannt geworden; nur das Eine einzahlte er, als von seinem 
Geburtshause die Rede war, dass dasselbe lange Gänge und 
unheimliche Hallen, die sich aus dem Hause, welches seine 
Eltern bewohnten, in das nachbarliche hinzogen, besessen 
habe. Das Haus selbst, auf dem Bauernmarkte, neben dem 
sogenannten ,, silbernen Hüttel" gelegen, ist noch ein unan- 
getastet Stück Alt- Wien. Bietet die Vorderfronte dem Zeich- 
ner eben nichts Besonderes dar, um so merkwürdiger ist 
die eigenthümlich verbaute Rückseite, die überdies in eine 
so schmale Sackgasse hinausschaut, dass es für den Zeich- 
ner geradezu unmöglich wird, einen Standpunkt zu dessen 
Aufnahme zu gewinnen. In diesem Hause konnte wohl die 
Ahnfrau entstanden, oder wenigstens der Keim zu dieser 
Dichtung gelegt worden sein, denn von dieser seiner Aussen- 
seite auf das Innere zu schliessen, enthielt es jene lokalen 
Elemente, die in der Ahnfrau eine nicht unwesentliche Rolle 
spielen. Die Rechtsstudien hatte Grillparzer im Alter von 
20 Jahren — 1811 — beendet, zwei Jahre später, 1813, 
trat er bei der k. k. allgemeinen Hofkammer in Staats- 



dienste, 1824 wurde er Hofkonzipist, 1833 Archivsdirektor 
der Hofkammer (nunmehr Finanzministerium); 23 Jahre 
bekleidete er diesen Posten, bis er 1 856 um seine Versetzung 
in den Ruhestand bat, der ihm mit der Verleihung des Hof- 
rathstitels auch wurde. Eben ermunternd ist diese Laufbahn 
nicht. Erst eine 43jährig6 Dienstzeit gewährte ihm einen 
schalen Titel. Wieland sagt in seinem Oberon : 

Gott, seinem Kaiser und dem Vaterlande treu, 
Dem müssen alle Geister dienen. 

Dass dem nicht so ist, hat Grillparzer erfahren; übrigens 
zu Wieland' s Entschuldigung sei bemerkt, dass Grillparzer 
damals, als Wieland sein herrliches Gedicht schrieb, noch 
nicht geboren war. Mit diesen wenigen Daten schliesst sich 
das amtliche Leben unseres grossen Dichters ab. 

Als Arabesken, welche dieses simple Bild einfassen, ist 
Manches zu verzeichnen. Im Jahre 1818 eine Reise nach 
Gastein, welches er in seinem „Abschied von Gastein", 
einem seit dieser Zeit unzählige Male nachgedruckten Gedichte, 
verherrlicht hat. Die wenigen Strophen sind zu herrlicher 
Poesie krystallisirter Schmera. Im folgenden Jahre eine 
Reise nach Italien. Auf derselben besuchte er die heilige 
Stadt, welchem Besuche die Dichtung die Apostrophe an 
die Ruinen des „Campo Vaccino" verdankt, berühmt durch 
die Kühnheit des Gedankenfluges, der den österreichischen 
Beamten in zu hohe poetische Regionen hob; denn als ihn 
die ermatteten Schwingen wieder erdwärts trugen, fahlteer 
nur zu sehr die Berührung mit der irdischen Wirklichkeit, 
an der er Zeitlebens litt. Man leitet nämlich von diesem Ge- 
dichte mancherlei Unannehmlichkeiten und Zurücksetzungen 
ab, die den Dichter endlich so sehr verdrossen, dass man im 
Auslande sich veranlasst fand, ihn in die Reihe derjenigen 
Geister zu stellen, welche in Oesterreich durch den Ge- 



8 

dankendmck ihrer Heimath verkümmerten. Welches Be- 
wandtniss es aber mit dieser sogenannten Verkümmerung 
habe, hat Grillparzer bewiesen, da er in der Zeit von 1819 
bis 1838 eine Reihe von Dramen schuf, wie deren bessere 
das ganze vom Gedankendrucke ungebeugte Deutschland 
von 1818 bis auf die Gegenwart nicht aufzuweisen hat. — Im 
Jahre 1843 kam er auf einer Reise nach dem Orient nicht 
weiter als nach Athen. Laube schrieb damals in der „Zeitung 
für die elegante Welt*' Folgendes: „Grillparzer hat viel Un- 
glück ! Endlich kommt er auf den klassischen Boden seiner 
Sappho, er steigt im Piraeus ans Land, er sieht die attische 
Ebene vor sich aufsteigen; sein Auge fliegt voraus: er wird 
Korinth, er wird den Leukadischen Felsen, er wird was 
weiss ich Alles sehen, was gut und theuer aus unserer Schul- 
zeit! Ach nein, er muss sich im österreichischen Gesandt- 
schaftshause verbergen, weil er ein Deutscher ist, und weil 
die Griechen in bester Furie sind gegen die armen Deutschen. 
Der Dichter der Sappho muss, als er sich ein wenig aus- 
wagt, im Geleit eines Gesandtschaftsbeamten sein, er muss 
italienisch sprechen, um seine Herkunft nicht zu verrathen, 
er muss endlich von dannen, ohne über die dürre athenische 
Umgebung hinausgekommen zu sein. Grillparzer mag sich 
mit uns trösten : das ist deutsches Unglück und seine Lands« 
leute haben aus lauter Weltweisheit sich viel mehr mit der 
Constitutionsfrage dieser rohen Griechen, als mit der empö- 
renden Verfolgung beschäftigt, welche die armen Baiern erlit- 
ten haben. Gewiss soll uns die Schmach, welche man den 
Deutschen in Athen angethan, gewiss soll uns diese Undank- 
barkeit und Rohheit der Griechen (Fallmereier wird jetzt 
wohl zu Ehren kommen!) nicht der einzige Gesichtspunkt 
für die griechische Sache werden; aber diesen Gesichtspunkt 
solchergestalt in den Hintergrund geschoben zu sehen, das 
ist ein klägliches Zeichen einer Nationalität. Erst soll man 



9 

seinen Bruder schützen, ehe man an Weiteres denkt. . . . 
Dies Eine zeigt sich ü])erall: wir beweisen fortwährend im 
Auslande, dass wir uns selbst nicht zu achten, weil wir 
unsere Landsleute nicht zu schützen wissen." Zu diesen zeit- 
gemässen Bemerkungen Laube s, dessen Bewunderung Grill- 
parzer s — nebenbei sei es gesagt — nicht erst aus der 
Epoche des Direktoriums der Hof bühne, sondern aus einer 
viel früheren Zeit datirt, fugen wir noch die Frage hinzu: 
Ob wohl Grillparzer die Sappho gedichtet hätte, wenn er das 
heutige Griechenland schon zu jener Zeit gekannt hätte, aus 
welcher die Dichtung stammt? 

Am 14. Mai 1847 erscheint Grillparzer s Name unter 
den ersten Vierzig, denen durch kaiserliche Wahl die Ehre 
eines Sitzes in der Akademie der Wissenschaften zu Theil 
wurde. Seit den dreiundzwanzig Jahren, welche seither ver- 
flossen, hat der Dichter, die öffentlichen Sitzungen ausgenom- 
men, die Versammlungen dieser gelehrten Herreu nicht be- 
sucht. Er ist kein theoretischer Belletrist, kein Kritiker vom 
Fache. Er besitzt aber das feinste und richtigste kritische Ge- 
fühl ftir sich. Grillparzer hat also dieser gelehrten Körper- 
schaft nur durch den Glanz seines Namens Licht gegeben. 
Wahrhaftig, und wenn statt der Vierzig nur Dreissig, oder 
gar nur Zwanzig, ja, wir stehen es nicht an zu sagen, nur 
Zehn w^ären berufen worden, sein Name hätte unter ihnen 
nicht fehlen dürfen. 

Im Jahre 1848 nahm sich Grillparzer — damals 56 
Jahre alt — nun einmal die „Freiheit frei zu sein", um sich 
der Worte seines Sangsgenossen Anastasius Grün zu be- 
dienen; er schrieb das Gedicht an Radetzky: 

Gluck auf, mein üesterreich, führe den Streich, 
Nicht bloss um des Nachruhms Schimmer; 
In deinem Lager ist Oesterreich, 
Wir Andere sind einzelne Trümmer u. s. w. 



10 

Dieses Gedicht rief eine wahre Stunnflut von Verketzeriui- 
gen hervor. Grillparzer ist unter die Volksunterdrücker 
gegangen, hiesses; er ist der Dichter der Schwarzgelben, 
riefen Andere, und in diesem Tone ging es fort. Schiller 
schrieb auch in Wallenstein' s Lager: 

Soldaten lieb' ich, das ist wahr, 
Wie sollt' ich sie nicht lieben? 

Da sie in jeglicher Gefahr 
Sich immer treu geblieben. 

Wenn Schiller 1 848 noch gelebt und obige Zeilen geschrie- 
ben hätte, ob man ihm im Jahre 1959 in Wien einen Fackel- 
zug brächte? Wir werden die Antwort auf diese Frage 
bereits im Jahre 1891 erhalten, weil wir in demselben die 
Säcularfeier von Grillparzer' s Geburt begehen. Grillparzer 
gab in obigen an die Armee und ihren Heldenföhrer ge- 
richteten Worten nur den Gefühlen der wahren österreichi- 
schen Patrioten, die ein grosses Oesterreich und keine 
„historisch-politischen Individualitäten*' wollen, Ausdruck: 

Die Gott als Slav' und Magyaren schuf, 
Sie streiten um Worte nicht hämisch, 
Sie folgen, ob deutsch auch der Feldherrnruf, 
Denn „Vorwärts" ist ung'risch und böhmisch. 

Gemeinsame Hilf in gemeinsamer Noth 
Hat Reiche und Staaten gegründet, 
Der Mensch ist ein Einsamer nur im Tod, 
Doch Leben und Streben verbündet. 

War' uns ein Beispiel dein ruhmvoller Krieg, 
Wir reichten uns freudig die Hände! 
Im Anschluss von Allen lieget der Sieg, 
Im Glück eines Jeden das Ende. — 



11 

Es ist, als ob diese begeisterten Worte eben erst ge- 
dichtet worden wären, so passen sie auf die Gegenwart. 
Und das ist eben der Reiz einer echten Dichtung, sie bleibt 
wenngleich Gedicht, wahr für alle Zeiten. 

Im Jahre 1849 wurde die Brust unseres Dichters durch 
die Huld semes Monarchen mit dem Leopoldorden ge- 
schmückt. Diese Auszeichnung ist in einer künftigen Ge- 
schichte der österreichischen Poesie insofern bemerkens- 
werth, weil sie die erste dieser Art ist, welche einem öster- 
reichischen Dichter eben als solchem zu Theil wurde. Ausser 
dieser Auszeichnung sind noch einige andere zu erwähnen, 
weil sie den Antheil beweisen, den die Zeitgenossen an 
unserem Poeten nahmen. Sein fünfzigster Geburtstag (1841) 
wurde durch eine zur Feier dieses Tages geprägte Medaille 
verheiTlicht. Die von J. Schön geprägte Denkmünze zeigt 
auf einer Seite sein wohlgetroffenes Brustb ild mit Angabe 
seines Geburtsortes, Jahres und Tages. Auf der Rückseite 
erblickt man eine von einem Lorbeerkranze umwundene 
Harfe mit der Inschrift: „Von seinen Verehrern zur Feier 
des 15. Jänner 1841." Eine sinnige Nachfeier fand drei 
Jahre später, am 15. Jänner 1844 statt, und wurde in einem 
Kreise edler Wiener Dichter begangen. Sechzehn Jahre 
später feierte die Künstlergesellschaft der „Ritter von der 
grünen Insel" sein Geburtsfest in erhebender Weise. 

Die Feier fand am 15. Jänner 1860 statt und wurde 
durch des Dichters Gegenwart verherrlicht Man wundere 
sich nicht, wenn wir dieser Feste hier besonders gedenken ; 
sie sind aber bemerkenswerth, da des Dichters zurückge- 
zogenes Leben jede ihm zu Ehren gebrachte Feier von vom- 
hinein in Frage stellte. Da er aber bei den genannten Festen 
persönlich zugegen war, so bildet dieser Umstand thatsäch- 
lich jedesmal einen bemerkenswerthen Lebensmoment. 
Grillparzer geht nirgends hin, wo er nicht mit ganzer Seele 



12 

sein kaan. Wir sehen, solche Augenblicke in dieses Dichters 
Leben sind spärlich^ gezähU. Sind sie aber da, so dürfen 
sie nicht verschw iegen werden, sie gehören zur Geschichte 
seines Lebens. Noch wurden ihm mehrere Huldigungen 
seltener Art; die eine, wenn wir nicht irren, im Jahre 1850. 
Eines Tages im genannten Jahre erhielt der edle Dich- 
ter durch einen Hofdiener ein Gedicht zugestellt. Dasselbe 
zählte vier begeisterte Strophen an den Dichter. Grillparzer 
war nicht wenig erstaunt, als er den Namen des Verfassers 
las. Es war Erzherzog Ferdinand Max, des Kaisers jün- 
gerer Bruder, und als der edle Prinz später selbst den 
kaiserlichen Thron von Mexiko bestieg — o dass es doch 
nie geschehen wäre! — war der Dichter einer der Ersten, 
den er mit dem Grosskreuz des von ihm gestifteten Ordens 
schmückte. — Früher schon hatte der König Max von Baiern, 
als er für Dichter und Denker den Maximilian-Orden ge- 
stiftet, Grillparzer zum Ritter desselben ernannt, welche 
Auszeichnung vor ihm keinem österreichischen Dichter zu 
Theil geworden. Als die Jubelpromotion an der Leipziger 
Hochschule am 14. November 1859 stattfand, befand sich 
auch Grillparzer unter den Ehrendoctoren. Und bei den 
„Landes'* hiess es von ihm- „Qui ex epigonis praestantis- 
simorum aureae literarum nostrarum aetatis poßtarum sceni- 
corum vestigiis ingredientibus facile primas tulit, de quo 
sperare licet fore, ut aequalibus rectius aliquando existiment 
olim posteri." Dem Staateminister Schmerling gebührt das 
Verdienst, wenn er auch von dem damals 7 1jährigen Dichter 
eine eigentlich politische Thätigkeit nicht mehr erwarten 
durfte, doch das Herrenhaus des Österreich. Reichsrathes mit 
einem Namen erster Grösse geschmückt zu haben, denn mit 
kais. Handschreiben vom 18. April 1861 erfolgte die Er- 
nennung des Dichters zum lebenslänglichen Reichsrath. Nach 
solcher Ehre konnte endlich seine Vaterstadt länger nicht 



13 

zurückbleiben und votirte ihm im Jahre 1864 zu seinem 
74. Geburtstage einstimmig das Ehrenbürgerrecht der Stadt 
Wien, das ihm durch eine Deputation des Gemeinderathes in 
prachtvollster Ausstattung überreicht wurde. 

Im Vorstehenden wäre wohl das Wesentlichste aus des 
Dichters äusserem Leben zusammengefasst. Die Momente 
desselben sind, wie wir gesehen, weder reich noch beson- 
ders mannigfaltig. Zurückgezogen und in sein Ich versenkt, 
lebte Grillparzer der Poesie und in ihr fand er Trost für 
manche Enttäuschung, Balsam für manche Wunde, die ihm 
die Laune des Geschickes schlug, die aber glücklicherweise 
nur Wunde blieb und nie in ein eigentliches Leiden aus- 
artete. Dass ihm aber weh geschehen, und wie tief er dies 
empfand, und dass er zuletzt in sich selbst, in dem ewigen 
Born der Poesie, der in seinem Herzen rauschte, den ergiebig- 
stenTrost fand, erfahren wir aus einem unvergleichlich schö- 
nen Gedichte, das vor etwa 30 Jahren gedruckt erschien, und 
noch in keiner Anthologie, auch nicht in der allemeuesten 
österreichischen des Herrn Egger und in der achtbändigen von 
Dr. Alfr. Jacobi und Herm. Mehl abgedruckt steht. Wir glauben 
daher, uns den Dank unserer Leser zu verdienen, wenn wir 
diese Dichtungsperle, „Schweigen "betitelt, hier folgen lassen: 

Als ich noch jung war, So wie das Vöglein, 

Liebt'ich noch zu klagen, Jedermann kennt's, 

All was dem Herzen leid. Das seine Liebe, 

Vielen zu sagen. Flötet im Lenz, 

Nun da ich älter, Aber vorüber 

Hehr ich die Pein, Rosen und Brut, 

Schliesse den Kummer Lautlos in Zweigen 

Im Innersten ein. Fürder nur ruht: 

Denn ich erfuhr es. So meine Muse, 

Kalt ist die Welt, Also mein Herz, 

Und nur der Antheil War doch ihr Lied nur 

Lindert was quält Sehnsucht und Schmerz. 



14 

Diese sechsstrophige Autobiographie des Dichters klärt 
uns auch liber sein Verstummen als Dramatiker auf, „denn 
ich erfuhr es, kalt ist die Welt," das von Allen, die seine 
Werke bewunderten, tief beklagt ward. 

Wenn er aber auch nach aussen fast theilnahmslos er- 
schien, um desto reicher gestalteten sich die Momente seines 
inneren Lebens, w^elche sein geistiges Schaffen umfassen und 
in eine frühe Zeit zurückreichen mögen. Aus den ersten Ar- 
beitstagen des Dichters ist bisher wenig bekannt geworden. 
Der „Gesellschafter" von Gubitz eraählt 'uns schon im Jahre 
1819, „dass ihn im Kreise seiner Jugendfreunde seine 
dichterischen Gaben auszeichneten, er jedoch zu beschei- 
den gewesen sei, mit den zarten Erstlingsblumen seines 
Talents an's Licht zu treten und sich mit dem Beifall seiner 
Freunde begnügte. Er habe ein grösseres theatralisches 
Werk — den Titel weiss der Berichterstatter nicht anzuge- 
ben — vollendet und der Bühne angeboten; der damalige 
Theatersecretär habe es ihm aber mit der Versicherung zu- 
rückgestellt, er habe für die Poesie durchaus kein 
Talent. *) Der junge Brausekopf warf sein Product in's 
Feuer und schien den Musen den Rücken zu wenden, bis er 
endlich den Plan fasste, ein Lustspiel zu schreiben. Sonder- 
bar genug fügte es sich, dass der bekannte Lustspieldichter 
Hutt in seinem Lustspiele ,,der Buchstabe** zu gleicher 
Zeit beinahe dieselbe Idee auf die Bühne brachte, welche 
Grillparzer zu bearbeiten sich vorgenommen hatte. Er tritt 
in s Theater, sieht, dass ihm bereits Jemand mit diesem 
Stoffe zuvorgekommen und die Flammen erhalten sein fast 
schon vollendetes Lustspiel. Lange Zeit nachher Hess er sich 
von einem Freunde bereden, einige seiner aus Calderon s 
de la Barca ,,la vita e un sueno** übersetzten Scenen in der 



*) Gesellschafter (Berlio 4) 1819, S. 40. ,,Aus Wien/' 



15 

Wiener Zeitschrift für Kunst, Literatur u. s. w. abdrucken 
zu lassen. Dichter West (Schreivogel), der dasselbe Stück 
für das Theater an der Wien bearbeitet hatte, wurde duröh 
diese Proben auf den Dichter aufinerksam. Durch West's 
Aufmunterung entstanden nun die „Ahnfrau" und die 
„Sappho". So wenig sich im Grunde aus diesen kuraen 
Zügen auf den eigentlichen Genius unseres Dichters schlies- 
sen lässt, so seltsam ist der Weg desselben und nicht wenig 
neu die Falte der Laune und des Scherzes in einem Gemüthe, 
welches das Leben sonst so gar ernst und streng gezeichnet. 
Dem Vernehmen nach schreibt er gegenwärtig eine Tra- 
gödie, welche unter dem Namen „Die Fahrt der Argonau- 
ten," „Jason" und „Medea" drei Abende spielen und den 
allgemeinen Titel „Die Eroberung des goldenen Vliesses" 
führen soll. Offenbar erinnert das an die Trilogie der Grie- 
chen unter Aeschylos und Euripides und zeigt aufs Neue un- 
verkennbar: dass sich Grillparzer die in unsern Tagen fast 
ganz verklungenen griechischen Tragödien zum Muster ge- 
wählt. Bei unseren von den Alten so sehr verschiedenen 
Verhältnissen des Inneren und Aeusseren ist nun frei- 
lich das Ziel kühn, die ungewohnte Form und der ein- 
fach schöne Geist der klassischen Spiele unsern meist ver- 
wöhnten Gemüthern fremd; um so schöner aber der Geist." 
Diese Mittheilung eines Zeitgenossen ist in mancherlei 
Hinsicht interessant. Sie enthält in der ungebundenen Form 
eines Privatschreibens die Chronologie der ersten drei Stücke 
des Dichters, zu einer Zeit, als das bedeutendste derselben, 
die Trilogie, lange noch nicht aufgeführt war; ausserdem 
aber die Mittheilung der Hindernisse, deren eigenthümliche 
Besiegung mit dem Durchbruch dieses Genius zusammen- 
trifft. Die Chronologie der Grillparzer sehen Dichtungen 
auf dramatischem Gebiete ist nach deren Auffuhrung — denn 
über deren Entstehung ist uns und -yyir glauben überhaupt 



16 

Niemandem Näheres bekannt — folgende: Die „Ahnfrau'^ 
wurde zuerst im Theater ander Wien am 31. Jänner 1817 
aufgeführt; dann folgte die „Sappho" im Hofburgtheater 
am 21. April 1818; „Das goldene Vliess*' in drei Ab- 
theilungen: „Der Gastfreund/' „Die Argonauten" und 
„Medea" ebenda an den zwei aufeinander folgenden Aben- 
den, am 26. und 27. März 1821; „König Ottokars Glück 
und Ende" am 19. Februar 1825; „Ein treuer Diener 
seines Herrn" am 28. Februar 1828; „Des Meeres und 
der Liebe Wellen" ebenda am 3. April 1831 ; „Der 
Traum ein Leben" ebenda am 4. Oktober 1834; und 
„Weh dem, der lügt" ebenda am 6. März 1838. Seit 
diesem letzten Stücke, an welchem sich das ünverständniss 
des Publicums aufs grellste versündigte, schwieg der tief 
verletzte Dichter und war durch nichts mehr zu bewegen, 
bis heut sein Schweigen zu brechen. Vom Jahre 1817 bis 
1838, also innerhalb 21 Jahren, brachte Grillparzer, wenn 
wir die Trilogie als Ein Stück gelten lassen, 8 Dichtungen, 
ebenso viele Perlen der Poesie, zur Aufführung. Welch ein 
Verlust ward dem deutschen Drama durch sein beharrliches 
Schweigen in einem noch längeren Zeitraume, von 1838 
bis 1870! Zur Aufführung der Fragmente einzelner Stücke, 
seit 1861, die sich hie und da gedruckt vorfanden, that der 
Dichter selbst nichts dazu, es waren lediglich ihm darge- 
brachte Ovationen, die Fragmente selbst aber Hessen ermessen, 
welchen Verlust die Bühne und die Dichtung durch dieses be- 
harrliche Verstununen seiner Muse erlitten haben. 

Das Aufsehen, welches die „Ahnfrau" nach ihrer ersten 
Aufführung hervorgebracht, war ungeheuer, der Erfolg ein 
beispielloser. Der Kritikaster- Verstand hinkte neidisch diesem 
Erfolge nach und der Dichter wurde, unsinnig genug, be- 
schuldigt, „ein neues System des Fatalismus dargestellt zu 
haben! " Grillparzer antwortete in würdiger Weise in der Vor- 



17 

rede zur ersten Ausgabe seiner Dichtung (Wien, 1817, 6.Aufl. 
eb. 1844). Aber noch Einer nahm sich des Dichters an und 
schleuderte den Blitzstrahl seines kritischen Scharfblicks in 
die Verwirrung, welche damals in der deutschen Kritik be- 
treffs der Schicksalstragödie herrschend war. „Gäbe es doch, 
schreibt Börne, eine grössere Zahl solcher dramatischen Dich- 
tungen wie die ,, Ahnfrau", dass wir endlich der jämmerli- 
chen Familiengeschichten ledig würden, die wie Wanzen sich 
in alle Ritzen der Bühnenbretter eingenistet haben, gar nicht 
zu vertreiben sind und uns zur Verzweiflung bringen." 
Wenn uns nicht Schranken gezogen wären, die wir ein- 
halten müssen, wir lieferten hier einen Musterbogen von 
Aussprüchen deutscher Kritik, welcher zu einer Geschichte 
derselben den interessantesten Beitrag bildete. *) Dass sich die 
Uebersetzer dieses Werkes bemächtigten, braucht nicht erst 
gesagt zu werden. Die englische, italienische, schwedische, 
russische Bühne nahmen dieses Stück in ihr Repertoire auf. 
Ein Adolph von Schaden parodirte es und verwandelte den 
Borotin in einen Hanns von Pferdefuss und seine Tochter in 
eine Grete. „Hosenversoffener Fannenschmiedt, " „Vettel," 
,,Metze," ,, Stockfisch," „Racker," „u. s.w. u. s. w." sind die 
Kraftworte dieses parodistischen Wechselbalgs ! So klammern 
sich selbst an den Genius die Blattläuse geistiger Gemeinheit. 
Seit der ersten Aufführung im Burgtheater bis 1848 wurde 
das Stück über 60mal gegeben. Im Jahre 1851 brachte es 
Laub e wieder auf die Bühne und es wird nun jährlich min- 
destens einmal und stets bei überfülltem Hause aufgeführt. 
War der Neid unter den ästhetisirenden Halbtalenten 
schon durch die Ahnfrau wach gerufen worden, durch die 
„Sappho" kam ei;um seine Nächte. Je mehr die Einen für 
den Dichter schwärmten, um desto mehr suchten Andere ihrer 



*) Die ausführlichere literarische Charakteristik der einzelnen Dich- 
tungen Qrillparzer's von Seite der deutschen Kritik siehe im Anhang IV. 

2 



18 

Galle Luft zu machen. Während ein wohlwollender Ber- 
liner meinte: Schiller s Geist müsse den Verfasser benei- 
den, antwortete Gubitz, der damals in Spree-Athen in 
seinem „Gesellschafter*' den Ton angab, aber bis an sein 
Lebensende nicht über literarische Halbheit heraus kam, in 
dem witzig sein sollenden Epigramm: 

„Dort kann man Zorn und Neid empfinden, 
Zu hoch dazu stand hier schon Schiller's Ehre; 

Die Parzen lassen jede Grill entschwinden, 
In ihrer Hand ist ja die krit'sche Schere." 

Dieser Witz klingt ebenso als wenn man den Gubitz- 
schen Namen etwa parodiren wollte: 

Ei, was soll das, da heisst gar Gubitz Einer, 
Kuhwitz war' doch verständlicher und feiner. 

Die Angriffe, welche „Sappho*' in der Kritik erfuhr, 
waren für den ersten Moment überraschend. Man griff die 
Sittlichkeit des Stückes an. Man fragte nicht, wie der Dich- 
ter selbst die Charaktere seiner Dichtung aufgefasst habe. 
Sappho ist eine verblühende Schönheit, die bisher nur als 
Dichterin bewundert, aber dieses Ruhmes satt, sich nach 
Liebe sehnt. Der junge, von überspannter Bewunderung 
hingerissene Mann erweckt in ihr den Wahn, von ihm ge- 
liebt zu sein. Treffend bemerkt Jemand aus diesem Anlasse, 
dieser Irrthum habe von Seite des Weibes, so lächerlich er 
oft im wirklichen Leben erscheine. Alles für sich. Einer der 
schönsten Eigenheiten des weiblichen Herzens entspringend, 
beruhe er darauf, dass das Weib immer mütterlich liebt, 
welches auch ihr Gegenstand sei. So hat auch Sappho' s 
Liebe diesen ursprünglichen Zug. Aber die alternde Ge- 
liebte, als sie sich ihres Gegenstandes nicht ganz sicher fühlt, 
sich bald dienstbar zeigt, um den Geliebten zu gewinnen, 
bald wieder despotisch, um ihn festzuhalten, wird endlich 



19 

überspannt im Kampfe ihres demüthigenden Bewusstseins und 
der wachsenden Sehnsucht ihres öden Herzens. So wenig- 
stens erscheint die Sappho, wie sie Grillparzer gezeichnet. 
Phaon, der durch Sappho das erste Entzücken der Liebe 
genoss, widmet ihr zärtliche Dankbarkeit, die sich durch 
jeden Zauber der Eitelkeit und des Reichthums wohl steigert, 
aber inrnier nur Dankbarkeit bleibt. Melitta erst lehrt ihn die 
wahre Liebe kennen. Melitta, ihm gleich an Jahren, ihm 
ähnlich an Verhältnissen, fesselt ihn inrnier mehr; da ent- 
deckt er in Sappho' s Eifersucht, dass er sich selbst nicht 
mehr gehöre und er Sappho' s Leibeigener sei. Nun wird er 
mit einem Male inne, wie sie ihn um die Blüthe des Ent- 
zückens betrogen, wie sie nach dem Besitze dessen hasche, 
was nur der jugendlichen Melitta hätte gehören sollen. Als 
nun Sappho Melitten sogar bedroht, da geht Phaon in' s reine 
Naturverhältniss über, vertheidigt sich und sein Besitzthum 
gegen eine fremde Obermacht, und in dem Herzen, das 
einst von Dankbarkeit überquoll, schäumt wilde Rache auf. 
Bei dieser Auffassung der Charaktere, die übrigens den 
Ideen des Dichters zunächst kommen dürfte, entfallen die 
Vorwürfe, welche dem Drama gemacht worden, von selbst. 
Wieder aber ist es Börne, der des Stückes in begeisterten 
Worten gedenkt und es eine „köstliche Frucht in goldener 
Schale* nennt. Innerhalb eines Tages und einer Nacht sieht 
man den Keim, das Wachsen, die Blüthe, die Frucht, das 
Hinwelken der Liebe; die Natur selbst hätte keine längere 
Zeit bedurft. — Hier müssen wir denn noch eines Pröb- 
chens komischer Rezensentenweisheit gedenken. Im dritten 
Akte schildert Phaon den schönen Abend folgendermassen : 

Ein leisef Hauch spielt in den schlanken Pappeln, 
Die kosend mit den jungfräulichen Säulen 
Der Liebe leisen Grass herüber flüstern. 
Zu sagen scheinen : seht, wir lieben, ahmt uns nach. 

2* 



20 

Während nun in Berlin diese Stelle so ausnehmend gefiel, 
dass man — so berichteten damals die öffentlichen Blätter 
— bei der architektonischen Verzierung der Vorhalle des 
Hauses der Sappho die jungfräuliche Gestalt der Säulen 
durch Karyatidengestalten darstellte, klagt ein Hamburger 
Rezensent der „Sappho" über einen Druckfehler in der Rolle 
und sagt: Grillparzer schrieb: kosend mit dem jungfräu- 
lichen Säuseln. — Welchen Erfolg die erste Aufführung der 
Sappho im Burgtheater hatte, erfahren wir aus dem Jour- 
nal desDebats vom I.Juni 1818. Dortheisst es: „Der Ver- 
fasser hat trotz aller zu bekämpfenden Hindernisse einen 
Erfolg erhalten oder vielmehr einen Triumph gefeiert, wie 
die dramatische Kunst in Deutschland kein ähnliches Bei- 
spiel aufweisen kann. Von dem dritten Aufzuge an wurde 
er genöthigt auf der Szene zu erscheinen, im fünften Akte 
wurde er gekrönt und sodann in Prozession nach seiner 
Wohnung begleitet. Am andern Morgen, nachdem sein Sou- 
verain ihn mit Gnadenbezeigungen geehrt hatte, eröffnete 
man für ihn eine beträchtliche Subskription, welche in we- 
nigen Stunden vollendet war." Wenn auch an dem Allen 
kein wahres Wort ist, beweist doch diese Reihe von Lügen, 
dass man einen solchen Erfolg für möglich, ja wahrschein- 
lich hielt, und in der That war der Triumph des Dichters 
ein grossartiger. Seit der ersten Aufführung (1818) bis zum 
Jahre 1848 wurde das Stück im Burgtheater über öOmal 
gegeben. Ob es ins Französische übersetzt ist, ist uns unbe- 
kannt. Eine italienische üebersetzung von G. So relli er- 
schien bereits 1819. Englische Uebersetzungen bestehen 
drei und zwar in London erschienene zwei, beide anonym 
(1822 und 1855) und in Nordamerika eine von Miss Edda 
Middleton (New- York bei Appleton und Comp.). Ins Un- 
garische hat die Sappho Gabriel Pap übertragen, der sich 
auf einem vom 17. Jänner 1824 datirten Klausenburger 



21 

Theaterzettel, auf welchem die Auffi'ihrung der ,,Sappho'* 
angekündigt wird, „den ersten Horaz ungarischer Jamben*' 
nennt, während die Schauspielerin Szekely, zu deren Benefiz 
das Stuck in Szene ging, in der Ansprache, mit welcher sie 
sich dem Publikum empfiehlt, unter Anderem sagt: „Das 
häufige Fliessen meiner Thränen hat mein Herz in der 
nöthigen Gefühlsamkeit erhalten/' Das deutsche Original 
erschien zuerst im Jahre 1819, in dritter Auflage bereits 
im Jahre 1822. 

Nach dreijähriger Pause trat 1821 Grillparzer mit 
seiner Trilogie hervor. „Das goldene Vliess" wurde 
an den zwei Abenden des 26. und 27. Mai, und zwar 
am ersten das Vorspiel: „der Gastfreund" und ,,die 
Argonauten", am folgenden „Medea" gegeben. Der 
Uebermuth der Wiener Kritik erreichte bei dieser Ge- 
legenheit den Gipfelpunkt. Aftergelehrsamkeit und galliger 
Neid führten die Rezensentenfedern. Ins Ausland wurden bos- 
hafte Korrespondenzen gesendet; nichts wurde unterlassen, 
dem genialen Dichter sein Schaffen zu verleiden, aber der 
Pofit, der seine Medea sagen lässt: 

Was ist der Erde Glück? — Ein Schatten! — 
Was ist der Ruhm? — Ein Traum! — 
Du Armer, der vom Schatten du geträumt, 
Der Traum ist aus — allein die Nacht noch nicht. 

lässt sich von den Nadelstichen der Kritik nicht beirren. Die 
Absicht, dem Dichter wehe zu thun, lag offen zu Tage. Am 
Dichter selbst gingen diese Umtriebe spurlos vorüber; nicht 
so am Publikum, welches von jener Geringschätzung der 
Grillparzer sehen Muse irregeführt, nun sich zu gebärden 
anfing, als habe es ein eigenes Verständniss. Es ist aber 
eine Thatsache, dass dieser Vielkopf, an und für sich ver- 
standlos — wir sprechen hier von dem sogenannten Theater- 
publikum — nur an das glaubt, was ihm von seinen Bon- 



22 

zen, den Hohenpriestern der Kritik, eingetrichtert wird. In 
Deutschland, wo es die Verhältnisse der meisten Bühnen 
gar nicht erlaubten, eine Trilogie, die überdies auch eine 
kostspielige Ausstattung erforderte, zur Darstellung zu 
bringen, lallte man den Unsinn der Korrespondenten nach 
und von dieser Zeit datirt das Unbekanntsein der Grillpar- 
zer sehen Werke in Deutschland. Ihm fehlte aber, wie Laube 
treffend bemerkt, ein Cotta, da er selbst mit seinem zurück- 
haltenden, für solche äusserliche Dinge geradezu indolenten 
Wesen nicht gemacht war, sich nach einem Verleger, wie 
jener Göthe's und Schiller s, umzusehen. Ja bis in die neueste 
Zeit pflanzte sich diese Abgeschmacktheit, Grillparzer den 
Dichterlorbeer streitig zu machen, fort. Hören wir doch, was 
uns der Nürnberger Korrespondent 1863, Nr. 375 erzählt: 
,,Wer ist Grillparzer? Diese Frage finden wir bei Gelegen- 
heit des neulichen Auftretens der Frau Rettich auf dem Ber- 
liner Viktoria-Theater als Medea in der Berliner allgemeinen 
Zeitung in folgender Weise beantwortet: ,, Grillparzer ist 
ein österreichischer Dichter, der zufällig nicht magyarisch 
oder czechisch, sondern deutsch geschrieben hat. Seine 
Dichtungen können nicht als Manifestationen deutschen 
Geistes gelten u. s. w.*' Nun setzt der Nürnberger Korre- 
spondent fort und spricht uns dabei aus der Seele: ,,Das 
heisst doch den kleindeutschen Unsinn ganz konsequent bis 
in die Theaterkritik hinein treiben! Also der Dichter der 
„Medea'S „Ahnfrau" u. s. w. ist eigentlich kein deutscher 
Dichter? Was heisst denn Manifestation des deutschen 
Geistes? Sind die Dichtungen des preussischen Junkers 
Herrn von Putlitz ,, Manifestationen des deutschen Geistes"? 
Und solch blöde Tendenzmiicherei findet sich in dem Blatte 
des deutschen Literatur-Historikers Julian Schmidt!" — 
War die längere Pause, welche dieser Dichtung folgte, 
— denn erst nach vier Jahren trat Grillparzer mit einem 



23 

neuen Werke auf — durch diese schnöde Behandlung ver- 
anlasst, wir wissen es nicht zu sagen und zweifeln daran, 
Thatsache aber ist es, dass „Ottokars Glück und Ende'' 
erst im Februar 1825 zur Aufführung kam. Seit einer Reihe 
von Jahren sah das Publikum keiner Vorstellung mit solcher 
Spannung entgegen, wie jener des genannten Stückes. Meh- 
rere Wochen vorher schon waren Logen und gesperrte Sitze 
auf mehrere Wochen hinaus in Beschlag genommen. In den 
Laden der Wallishausser sehen Buchhandlung, wo an die- 
sem Tage, es war der 1 9. Februar, das Buch zum ersten 
Male ausgegeben wurde, konnte gegen Mittag Niemand mehr 
hinein. Ueber 600 Exemplare des gedruckten Stückes wur- 
den an diesem Tage abgesetzt. Am folgenden Tage hörte man 
von nichts als „König Ottokars Gluck und Ende^' reden. In 
den Kaffeehäusern, an Wirthstafeln, in Gesellschaften und 
Soireen war „König Ottokar" der Held des Tages. Ein va- 
terländischer Dichter, ein vaterländischer Stoff, das erste 
Schauspiel dieser Art, das auf die Bühne kam! Es war ein 
Ereigniss, neu in seiner Art und seit den Franzosentagen 
eine solche Aufregung — freilich in anderer Richtung — 
nicht erlebt. Als am folgenden Tage die Rezensionen er- 
schienen, riss man sich förmlich um die Theaterblätter. Es 
war unmöglich das Blatt zu haben, ohne zehn Pränumera- 
tionen beim Marqueur abzuwarten. Nur durch den Umstand, 
dass An schütz, der Träger der Titelrolle, schon am ersten 
Tage mit Heiserkeit zu kämpfen hatte und einige Tage nicht 
auftreten konnte, sonach die zweite Vorstellung des Stückes 
erst acht Tage später erfolgte, nur durch diesen Umstand 
trat so zu sagen eine kleine Reaction ein, die aber alsbald 
endete, als die Vorstellungen wieder begannen. 

Wir schreiben Geschichte, gestützt auf die Aussagen 
von Zeitgenossen. Der Erfolg des Stückes im grossen Publi- 
kum war nicht nachhaltig, die tiefe politische Bedeutung 



24 

der Dichtung, die meisterhafte Charakteristik der Figuren 
war ihm nicht ganz klar geworden. Da damals bereits die 
Censur bestand, so war es auch nicht leicht möglich, ihm 
dieselbe klar zu machen. Hingegen ausserordentlich war der 
Erfolg bei den tiefer denkenden Kritikern Oesterreichs, welche 
zu der damals noch dünngesäeten und mehr nach Instinkten 
als nach politischem Bewusstsein die Verhältnisse anschauen- 
den grossösterreichischen Partei zählten. Das Organ 
derselben war das seitdem nicht wieder ersetzte Hormayr- 
sche „Archiv für Geschichte**. Es ist uns nicht erinnerlich, 
dass irgend ein einheimisches oder fremdes dramatisches 
Werk eine so eingehende Beurtheilung erfahren hätte als 
dieses. Es wurden ganze Abhandlungen darüber geschrie- 
ben. Nur nebenbei sei zweier nicht uninteressanten Umstände 
gedacht. Vorerst, dass Napoleons Erscheinung auf die 
Zeichnung des Ottokar, wie Grillparzer sie ausgeführt, nicht 
ohne Einfluss geblieben; soweit Hess sich Grillparzer in seinen 
Dichtungen von der Gegenwart anregen. Dann aber hat der 
Dichter in dem Bürgermädchen Katharina Fröhlich 
seine Jugendliebe verewigt. — 

Auf dem Boden der Geschichte, den Grillparzer 
mit dem Ottokar betreten hatte, blieb er stehen, als er 
1828 den „treuen Diener seines Herrn** zur Auf- 
führung brachte. War es früher die böhmische, so war 
es nunmehr die ungarische Geschichte, aus welcher Grill- 
parzer eine der wirksamsten und bedeutsamsten Episoden für 
die dramatische Bearbeitung gewählt. Die unerschütterliche 
Treue eines Unterthans gegen seinen König, indem jenen 
auch nicht die schwersten Verluste, veranlasst durch Per- 
sonen, die dem Fürsten sehr nahestehen, und auch dann 
nicht wanken machen, als sich die treuesten Anhänger des 
Königs gegen diesen kehren, bildet den Inhalt des Dramas. 
Bisher hatte die kritische Meute an der poetischen Kraft des 
Dichters gemäkelt und dieselbe den grossen Stoffen der 



25 

alten Mythe und Geschichte als nicht gewachsen erklärt, jetzt 
führte man ein anderes Manöver durch und roch aus den 
zwei Bearbeitungen der böhmischen und ungarischen Ge- 
schichte mit der kritischen Nase den Servilismus heraus, 
Wer sollte es glauben, dass man an eine durch und durch 
poetische Schöpfung den Massstab einseitiger Auffassung po- 
litischer Parteien legen werde ? Es ist noch Niemandem bei- 
gekommen Aeschylos zu tadeln, weil er in den „Persern" 
den Ruhm feierte, den seine Nation durch die Niederlage des 
Xerxes erworben hatte. Hatte der Dichter bei seinen Wer- 
ken wirklich seinen politischen Nebenzweck, so hat er selbst 
ihn nie in den Vordergrund gestelh. Dass Andere — und 
diese wissen schon warum — auf die Nebensache das Haupt- 
gewicht legten — durfte die vorurtheilsfreie Kritik nicht be- 
fangen machen, am w^enigsten in Deutschland. Allerdings 
ist Deutschland gerade das Land, in welchem es erlaubt ist, 
spezifisch preussisch oder sächsisch, baierisch oder hano- 
veranisch, ja gothaisch und greitz-schleizisch zu sein, nur 
nicht spezifisch österreichisch. Bezeichnend und den Dich- 
ter selbst ehrend ist der Ausspruch des Kaisers F ranz, der — 
so wird berichtet — gleich nach der ersten Aufführung die 
Missdeutung, welche das Sttick erfahren konnte, geahnt und 
dem Dichter die Zurücknahme desselben angerathen hat. 
Der Oberstkänmierer soll die merkwürdigen Worte des Mon- 
archen dem Dichter überbracht haben: ,,Es sei das Stück 
dem Kaiser so werth, dass er es nicht der Oeffentlichkeit 
ausgesetzt sehen, sondern es dem Dichter abkaufen wolle. '* — 
Die vorherrschend vaterländische Tendenz des „Ottokar", wie 
des „Ein treuer Diener seines Herrn** erklärendes einigermas- 
sen, dass sich die fremden Literaturen derselben nicht wie der 
„Ahnfrau" und,,Sappho" bemächtigt haben. Aber der „treue 
Diener" fand in neuerer Zeit in Böhmen einen Uebersetzer 



26 

und die Uebertragung von W. Podebradsky ist seit 1855 ins 
Repertoire der cechischen Vorstellungen aufgenommen. 

Nun aber kommen wir in der chronologischen Folge 
seiner Stücke an eines, welches einzig in seiner Art in der 
deutschen Dichtung, leider noch wenig in Deutschland be- 
kannt und an wenigen Bühnen aufgeführt ist. Wir meinen 
,, Des Meeres und der Liebe Wellen*', welches die herz- 
ergreifende Erzählung von Hero und Leander behandelt. Diese 
Erzählung l)Ot den Stoff zu mehreren Poesien, wir erinnern 
an die allbekannte Ballade von Schiller, an das wunderbare 
Volkslied von den Königskindern und an die von einem neue- 
ren Dichter — wir glauben es ist Paul Heyse — bearbei- 
tete Geschichte der Margherita Spoletina. Dass dieser ein- 
fachen Erzählung, wie viel auch poetisches, aber wenig dra- 
matisches Element innewohne, ist nicht zu bezweifelu und 
nur ein Genius wie Grillparzer konnte es wagen, sie zudra- 
matisiren. Aber schon in dem Titel: Des Meeres und der 
Liebe Wellen finden wir die tiefgedachte Parallele, in wel- 
cher uns der Dichter ein geheimnissvolles Gleichniss gibt. 
Des Meeres und der Liebe Wellen tragen den Liebenden 
über den Hellespont, aber der Sturm und die Leidenschaft 
vernichten den freien Willen und nur dieser ist das Mass 
und das Licht der Seele. Seit Shakespeares ,, Julie und Ro- 
meo" ist uns keine Dichtung bekannt, in welcher der ge- 
heimnissvolle Zauber der Liebe in entzückendere Worte ge- 
bracht worden wäre, als in diesem Stücke Grillparzer s. 
Hätte Grillparzer nichts in seinem Leben geschrieben als 
diesen dritten Akt, sein Xame bliebe unvergessen in der Ge- 
schichte der deutschen Dichtung. Ja w^ohl, schreiben konnte 
Grillparaer dies, aber wer soll sprechen, was er schrieb? 
In dieser Schwierigkeit liegt vornehmlich der Grund 
des Unbekanntseins, an welchem dieses Stück leidet. Nach- 
dem es in Wien am 3. April 1831 zum ersten Male auf der 



27 

Hofbühne gegeben worden, verschwand es nach einigen 
Auffuhrungen von den Brettern. Damals gab Fräulein Gley, 
die nachmalige heut noch unvergessene Rettich, die Rolle 
der Hero. Man zählte diese Leistung zu ihren ausgezeichne- 
testen. Zwanzig Jahre lag das Stück im Staube der Ilofthea- 
terbibliothek ; demDirector Laube war es vorbehalten, dieses 
Kleinod der deutschen Dichtung der Bühne zurückzuerobern. 
Seine geistvolle Inszenesetzung zur neuen Aufführung 1851 
wurde durch eine grosse Künstlerin, die geniale Frau Bay er- 
Bürck auf das wirksamste unterstützt. Der Erfolg war ein 
glänzender und so oft die Künstlerin in Wien gastirte, so 
oft kam das Stück wieder zur Aufführung. In jüngster Zeit 
feierte die Rudioff darin überraschende Erfolge. Der Ver- 
such, es auch auf anderen deutschen Bühnen einzuführen, 
wollte nicht gelingen, weil für die Hero die Kräfte fehlten. 
Ein wahrer Vandalismus wurde aber von einem Münchener 
Kritiker begangen, als das Stück in den Oktobertagen 1 856 
zur Darstellung kam. Dass Fräulein Damböck für die Rolle 
einer Hero nicht passte, dieser Umstand alleinberechtigte keinen 
Kritiker, über das Stück selbst zu schreiben wie folgt: „Die 
Fabel ist geist- und effektvoll behandelt, freilich mit etwas 
zu grellere?) Hervorhebung der rein sinnlichen Elemente. 
Da, wenigstens vor des Zuschauers Augen, zu wenig vor- 
geht und beim Aufgehen des Vorhangs Jedermann das Ende 
schon weiss, die Zeit bis zum flinften Akte aber nicht ledig- 
lich mit Meerwasser ausgeflillt werden kann, so griff der 
Verfasser zu dem Mittel, die psychich-physische Entwick- 
lung der Liebe darzustellen, wie sie sich vom Piatonismus 
alhnälig emanzipirt. Leander ist als ein schlinuner Duck- 
mäuser — die Hero als ein gar zu naives Gänschen darge- 
btellt; während des heidnischen Gottesdienstes macht jener 
sich unter dem Voi-wande übergrosser Andacht an die Prie- 
sterin, die dann aus Zerstreuung sogar ihr oft hingesagtes 



28 

Gebet nicht mehr weiss. In Anbetracht dessen wird sie in 
einem klösterlichen Thurme einlogirt, aber nachdem sie halb 
ausgekleidet und ins Schlafgemach gehen will, kommt Lean- 
der, noch triefend, vom Hellespont heraufgestiegen, ohne 
für diesen sonderbaren Besuch eine stichhaltige Entschuldi- 
gung vorbringen zu können. — Ein Wächter ruft, ob Jemand 
da sei — er w411 sich in ihr Schlafgemach verbergen, Hero 
leidet es nicht, leidet es aber dann doch, und täuscht so den 
Tempelhüter, der mit Spiess und Nachtwächterhorn die 
Runde macht. Leander kommt heraus — wo ist das Licht? 
ruft Hero — der Schlingel hat es vergessen! Er holt das 
Licht und bittet dann im Laufe des Gespräches um einen 
Kuss. Hero schlägt dieses nicht ab, stellt aber vorher das 
eben verlangte Licht wieder unter den Tisch. Diese eig-en- 
thümliche Gattung von Verschämtheit erregte natürlich Ge- 
lächter. Leander fragt: Wann darf ich wieder kommen? — 
lieber' s Jahr zum nächsten Tempelfeste! — Leander ent- 
gegnet, ob sie so lange in Ungewissheit bleiben könnte über 
sein Schicksal, ob sie nicht früher zu wissen w^ünsche, wie 
er über das Meer heimgekommen sei, und sagt sodann: 
Sag in acht Tagen, sag übermorgen! Hero blickt ihn an 
und ruft: „Komm' morgen!'' Grosse Heiterkeit. Ueberhaupt 
fand das Publikum bei diesem „Trauerspiele für die reifere 
Jugend" mehr Gelegenheit zimi herzlichen Lachen, als bei 
manchem Lustspiel.'' — Es gehört eine alles Mass überstei- 
gende Frivolität und Frechheit dazu, um über ein Stück, 
dessen Zauber und Liebreiz von Niemandem noch angefoch- 
ten worden, etwas so haltlos Gemeines zu schreiben w^ie 
das, w^as wirklich viel eher in einer Sammlung Priapeia sei- 
nen Platz fände, als in den Spalten eines Journales in einer 
ihrer Kunstliebe und ihres veredelten Geschmackes wegen 
allgemein gepriesenen Stadt. Auf solche Art lässt sich Alles 
entstellen; w^elche Fundgrube zu schalen Zw^eideutigkeiten 



29 

böte dem glücklicherweise ungenannten Schreiber des Obi- 
gen Shakespeare' s ,, Julie und Romeo", von andern Werken 
grosser und kleiner Poeten nicht zu reden. Rudolph Gott- 
schall, der mit den Oesterreichern wenig Federlesens macht, 
sagt selbst von „Hero und Leander", dass es herrliche Ein- 
zelheiten, plastische Schilderungen und psychologische Mo- 
mente von glücklicher Wahrheit enthalte, nur erscheint ihm 
die Einfachheit der Komposition durch zu wenig Hemmun- 
gen und Einschnitte der Handlung gehoben, um aus einem 
Gemälde mit einzelnen dramatischen Gruppen eine span- 
nende Tragödie zumachen." Zu solchem Tadel ist ein Kriti- 
ker wohl berechtigt, nicht zu obiger Nichtswürdigkeit. Eine 
Jungfrau, die am Tage ihrer Weihe zur Priesterin zum er- 
sten Male beim Anblick eines Jünglings empfindet, was Liebe 
ist; deren einfaches Begegnen, wobei das kürzeste Zwiege- 
spräch die Neigungen Beider verräth; eine bei nächtlicher 
Weile an's Fenster gestellte Lampe, dem Liebenden ein Leit- 
stern bei seinem Kampfe mit der Meerflut, und endlich ein 
Auslöschen dieser Lampe zu bedrohlicher Stunde durch die 
Hand des argwöhnischen strafenden Priesters, diese gerin- 
gen Mittel genügen dem Dichter, um ein Werk zu schaffen, 
das nur dem Meisterwerke des grossen Britten würdig an 
die Seite gestellt werden kann. Es kann wohl sein, dass un- 
ter den darstellenden Künstlern die Lust für Werke solcher 
Art erstorben, dass selbst im Publikum durch die Menge des 
Mittelmässigen, das ihm geboten wird, der Geschmack für 
das einfach, aber bleibend Schöne herabgestimmt ist. Diese 
Dichtung Grillparzefs verlangt freilich Darsteller von sel- 
tener Meisterschaft, welche den reisenden Theatervirtuosen 
und Virtuosinnen gänzlich fehlt, sind aber solche wirklich 
denkende und fühlende Künstler vorhanden, dann muss eben 
die grosse Einfachheit, durch welche der Darsteller sein 
ganzes Spiel zur höchsten Innerlichkeit des Gefühls zu stei- 



30 

gern gezwungen ist, ausserordentliche Wirkungen hervor- 
bringen. Welch' eine Sprache in diesem „des Meeres und 
der Liebe Wellen"! Dies ist die ewige Sprache der Liebe 
und wer sie findet, ein grosser Dichter und wer sie ange- 
messen spricht, ein grosser Ktinstler. 

Schon hatte der Dichter Italiens und Griechenlands 
Boden in seinen Dramen betreten; wir sahen ihn in den ge- 
spensterhaften mächtigen Hallen eines von wenigen Men- 
schen bewohnten, vereinsamt im Waldesdunkel gelegenen 
alten Stammschlosses dahinwallen: dann wieder hat uns der 
Zauberstab seiner Dichtung in die eigene altgeschichtliche 
und romantische Heimath versetzt; nun betrat er ein neues 
Gebiet, den Orient, wo er einen Jüngling Rustan, der vom 
Drange nach Thaten erfasst ist, bei nächtlicher Weile ein 
Leben voll Glanz und Verbrechen, voll Schrecken und 
Elend — durchträumen lässt. Raupach in seinem ,,Das 
Märchen im Traum**, welches zuerst in Rochlitz's „Mit- 
theilungen" (1822) erschien, lässt Aehnliches einem jungen 
Weibe geschehen. Dass beide Dichter übrigens unabhängig 
gearbeitet, dafür spricht jeder Mangel einer Aehnlichkeit 
in Ausführung und Sprache. 

Das ist eine Reihe furchtbar schöner Phantasmagorien, 
w^elche uns der Dichter vorführt, dessen eigener Ausspruch 
gelegenheitlich der ersten Aufführung am 4. Oktober 1834 
zu bezeichnend ist, als dass wir es unterlassen dürften, ihn 
hier mitzutheilen. Grillparzer, noch ungewiss über den 
glänzenden Erfolg, den das Stück bei seiner ersten Auf- 
ftihrung und bei allen folgenden bis in die Gegenw^art feierte, 
sprach sich damals folgendermassen aus: ,,F]in Dichter, der 
ein zweites Stück dieser Art schriebe, verdiente Züchti- 
gung, dies eine gewagt zu haben verdiene, dass es ge- 
fiele; er liebe übrigens eben diese Dichtung, w^iewohl der 
Erfolg durch die Form, die Ausführung und das Publikum 



31 

selbst, wenn es zu weit voraus denke, auf die Spitze {bestellt 
Weibe." Der Erfolg war ein grossartiger — und nicht bloss 
auf der Bühne seiner Vaterstadt, sondern auf jeder, auf 
welcher es gegeben worden. Wenn ein Kritiker ausrief: 
^, Ein Traum, ein Leben! Nie ist ein inhaltschwererer Titel 
für ein Stück gewählt worden; nie hat ein Stück die Zusage 
seines Titels gewissenhafter erfüllt,'* so hat er mit wenigen 
Worten ein richtiges und gewichtiges Urtheil gefällt. Das 
Sti\ck wurde in 14 Jahren von 1834 — 1848 auf der Hof- 
bühne 50mal gegeben; im Jahre 1850 nahm es Laube, 
der treffend bemerkte, dass man in Rustan und Zanga einem 
heimathlichen Faust und Mephisto begegne, wieder ins Re- 
pertoire auf, und, seinen ursprünglichen Zauber bewährend, 
ist es noch gegenwärtig ein Lieblingsstück des Wiener 
Publikums. In neuerer Zeit (1858) erhob sich in einem 
sehr geachteten und viel verbreiteten Blatte, nämlich im 
,, Magazin ftir die Literatur des Auslandes'*, der Zweifel, 
ob diese Dichtung Grillparzer's durchgängig Original sei? 
Man erinnerte bei dieser Gelegenheit an einen modernen 
spanischen Dichter, an Saavedra Herzog von Rivas, der in sei- 
nem Stücke „El desenganno en un suenno'* eine ähnliche 
Idee dramatisch behandelt habe. Nun wurde schon oben be- 
merkt, wie dies mit Raupach in seinem ,, Märchen im Traum" 
auch der Fall sei. Muss denn desshalb ein Dichter dem an- 
dern die Idee genommen, oder können nicht alle drei, Grill- 
parzer, der spanische Herzog und Raupach, dieselbe einer 
gemeinschaftlichen, viel älteren Quelle entlehnt haben? Die 
deutsche Bescheidenheit, die gleich lieber annimmt, ein 
deutscher Poet bestehle einen fremden, als ein fremder 
schöpfe aus einem deutschen, geht denn doch zu weit und 
wir würden einen solchen Vorgang bei Poeten minderen 
Ranges entschieden zurückweisen: bei Grillparzer nennen 



32 

wir dergleichen eine durch Gott weiss was veranlasste Ver- 
sündigung am Genius. 

Als Grillparzer etw^a vier Jahre später mit seiner letz- 
ten Arbeit vor das Publikum trat, es war mit dem am 6. Mai 
1838 gegebenen Lustspiel „Weh dem der lügt", da zeigte 
sich der Idiotismus des Haufens, der seine Abende im Schau- 
spielhause abgähnt, in seiner ganzen Macht. Unbarmherzig 
Hess er das Stück eines Dichters, der es vorher öfter schon 
mit so herrlichen Gaben beschenkt hatte, misshandeln ; und 
nicht weil das Stück etwa schlecht war, sondern weil ihni 
die Fassungskraft fehlte, das geistreiche Werk des Dichters 
zu verstehen. Dem Stücke, dessen hauptsächlicher Fehler in 
der Bezeichnung „Lustspiel'* besteht, liegt eine Legende 
aus dem Leben des heiligen Gregor zu Grunde. Die lust- 
spielartigen Elemente , welche der Fabel nicht abzustreiten 
sind, gestalten noch kein Lustspiel, hingegen findet sich 
auch in diesem Stücke Poesie die Fülle ; nicht dem über- 
müthigen Anfänger, der mit selbstbewusstem Hochmuth vor 
das Publikum tritt, dürfte ein so erniedrigender Erfolg 
werden, geschweige dem grossen, über bescheidenen, be- 
währten Dichter, auf den das Vaterland stolz sein durfte, 
und das war damals, das war lange zuvor schon Grillparzer. 
Aber der feinftihlende Dichter nahm sich eine Lehre daraus, 
an der er unverl)rüchlich hielt. Solcher Mangel an Pietät 
Hess in ihm rasch den Entschluss reifen, sich den Haufen, 
genannt Publikum, vom Leibe zu halten. Von dieser Zeit an 
schwieg er, und alle Bitten und Vorstellungen vermochten 
nicht ihn in seinem Entschlüsse wankend zu machen. Seit 
dem Jahre 1838 gelangte keine neue Arbeit Grillparzer s 
zur Aufführung. Nur ein Vorspiel seiner ,,Libussa" ging 
zum Vortheil der bannherzigen Schw^estem am 29. Novem- 
ber 1840 in einer Burgtheater- Akademie über die Bretter, 
wurde dann 21 Jahre später, am 5. Mai 1861, in dem nach- 



33 

mals abgebrannten Quai-Theater aufgeführt und am folgen- 
den Abend im Burgtheater wieder von Neuem ins Repertoire 
aufgenommen. — Die „Esther*', der Bibelstoff dramatisch 
behandelt, wurde als Fragment (1. und 2. Akt)gednickt in 
Emil Kuh's „österreichischem Dichterbuch" (Wien 1863, 
Gerold, 8.) und vier Jahre später, am 29. März 1868, zuerst 
aufgeführt, worauf sie auch im Burgtheater zur Darstel- 
lung kam. — „Hannibal und Scipio" aber, eine dramati- 
sche Szene, zuerst abgedruckt im ,, Album österreichischer 
Dichter** (Wien 1850, Pfautsch 8.) I. Serie, wurde, auch 
wieder in einer Akademie, im k. k. Hofoperntheater am 
21. Februar 1869 dargestellt. 

Ausser diesen acht Dramen — darunter die Trilogie 
„Das goldene Vliess*' — und den genannten Fragmenten, 
schrieb Grillparzer zwei Erzählungen: die im Mailath' sehen 
Taschenbuche „Iris fiir 1848*' abgedruckte: „Ein alter 
Spielmann,** und die zwanzig Jahre ältere im Taschenbuch 
„Aglaja far 1828** erschienene: „Das Kloster bei Sen- 
domir**; ferner ein Opembuch, das Märchen der „Melusine** 
behandelnd, ursprünglich für Beethoven geschrieben, aber 
erst nach dessen Tode von Konradin Kreutzer com- 
ponirt, der jedoch, wie ein Biograph Grillpai'zer's be- 
merkt, „kein Ersatz ftir Beethoven und kein Komponist 
far eine Dichtung Grillparzer s ist** — endlich eine Fülle herr- 
licher hie und da zerstreuter und leider noch immer nicht 
gesammelter Gedichte. Diese, obgleich subjectiv, meistens 
nur Nachklänge seiner Stimmungen, sind mächtig, ki^aflvoll, 
ergreifend. In Grillparzer steht der Lyriker auf gleicher 
Höhe mit dem Dramatiker und wenn Grillparzer in den zahl • 
losen lyrischen Anthologien der deutschen Dichtung ver- 
misst wird, so ist wahrhaftig nicht an ihm die Schuld. 
Diese Anthologiensammler nehmen nicht selten unbedeutende 
Reimereien eines unbekannten Dichterlings auf, aber die 

3 



34 

alten Jahrgänge der ,.Aglaja*' oder der „Vesta"' aufisusu- 
chen und die |M)eti.scheu Perlen tirillparzer's, die darin zu 
Dutzenden ver)K>rgen sind, für ihre .Vnthologieu zu benutzen, 
unterlassen sie. weil ihnen das einisre Muhe machen wurde 
und es leichter ist, FAner den Anderen ahzuschreil^en. 

Noch sei der Vollständigkeit hall>er eines Talentes des 
Dichters Erwähnung gethan, dem er wohl manche selige 
Stunde verdankt: (irillparzer ist ein ausgezeichneter Musik- 
kenner und Meister auf dem Flügel. Eine Wiener Musikzeit- 
schrift (die lilögglsche?) bemerkt in einer Nummer des 
Jahres 1856: „Am 15. Jänner 1791 wurde zu Wien 
unser grosser vaterländischer Dichter Franz (irillparzer 
geboren, in musikalischer Hinsicht als Verfasser 
mehrerer Kompositionstexte und als Musiker be- 
kannt.'' Eine besondere Verehrung hegt er ftir Beet- 
hoven, welche er auch durch seine ihm gewidmete (Jrab- 
rede und das (Jedicht „Beethoven" l)ewies. Vor kuraer Zeit 
al»er üWrraschte mich ein Freund und Musikaliensammler, 
indem er mir aus seiner reichen Sammlnng kostbarer und 
seltener Ton werke eines vor/zeigte, das den Titel ttihrt: 
„Rhapsodie für das Pianoforte von (irillpai'zer'' 1. Werk 
(Wien [1832] bei Ilaslinger.) Ob diesem 1. Werke noch 
andere gefolgt, konnte ich nicht ermitteln. 

So hätten wir denn ein getreues Bild von des Dichters 
innerem und äusserem Leben, von der nichts weniger als 
verwickelten oder gar dornenvollen Laufbahn des letzteren 
und von dem reichen geistigen Schaffen Aeti ersteren gege- 
ben. Ks bleibt uns nun noch Weniges zn sagen übrig filier 
(irillparzer den Menschen. Porträts helfen dazu nicht viel, 
sie mögen noch so gut getroffen sein, wie denn dem Krie- 
huber sehen Bilde grosse Aehnlichkeit nicht abzustreiten ist; 
aber Grillparzer s Kopf ist nicht wie ein anderer. Anf das 
erste Ansehen hin wird Niemand, der Menschenkenner, der 



35 

Seeleiiforsclier aiisgenoimneii, länger auf diesen Zügen ver- 
weilen, die ihm nichts Aussergewöhnliches darzubieten 
scheinen; aber man betrachte diesen Kopf, dieses sanfte, 
seelenvolle Auge nur länger und unwillkürlich fesselt es 
den Beschauer, wie die mit weicher angenehmer Stimme 
gesprochenen Laute Jedem in's Herz dringen. Seine kleine, 
etwas gebengte Gestalt mit dem etwas nach der Seite ge- 
neigten Kopfe, woran er in einem Kreise geistig hervorragen- 
der Persönlichkeiten zunächst zu erkennen sein dürfte, ist 
anspruchslos, fast unscheinbar. Die Hände auf dem Rücken, 
begegnet man ihm auf einsamen Spaziergängen, in CJedan- 
ken vertieft, freundlich, aber verlegen dankend, weim er 
einen achtungsvollen Gruss empfängt, dessen Geber er sicher- 
lich nicht erkannt hat. Aber wird er in ein Gesi)räch hinein- 
gezogen, das seine Theil nähme erweckt imd in einem Kreise, 
in welchem er sich nicht fremd fühlt, dann ist es ein Seelen- 
genuss ohne gleichen, ihn sprechen zu hören und zusehen, 
wie da^ schöne hlaue Auge lebhaft aufblickt, ohne jedoch 
seinen Charakter lieblicher Milde einzubüssen; wie sich die 
Züge allgemach beleben, und sich in seinen Bemerkungen 
bald wohlwollende Gemüthlichkeit und feine Schalkheit 
kundgibt, bald wieder haarscharfes Durchdringen des in 
Frage stehenden Gegenstandes, verbunden mit weitausgrei- 
fenden, aber immer kurzgefassten Gedanken, die uns noch 
lange nachher, wenn sie gesprochen worden, zu denken geben. 
Wir wollen hier nur eine kleine Musterkarte solcher 
Aussprüche (irillparzer s folgen lassen. Von der Ristori 
sagte er: „Wie gross muss diese Künstlerin gewesen sein, 
bevor sie berühmt geworden;'' — von einem Archäologen, der 
über jeden verwitterten Stein, über jedes Stück bemalter 
Leinwand in Extase gerieth, that er den Ausspruch: „Er 
ist einer jener Menschen, die sich glücklich fühlen, wenn 
sie eine Mutter Gottes finden, die wie ein alter Rechnungs- 



36 

rath aussieht." — Die sinnreiche Definition der Eifersucht: 
„Eifersucht ist eine Leidenschaft, die mit Eifer sucht, was 
Leiden schafft'' hat die Runde durch alle Länder deutscher 
Zunge gemacht. — Als einmal Mozar t's G-moll-S}Tnphonie 
aufgeführt worden, rief er aus: „Die hat Mozart sicher vor 
der Erbsunde komponirt;" — den Styl des Thoas in 
Goethe' s Iphigenie charakterisirte er: „Der Thoas spricht 
wie ein taurischer Hofrath;" — das kühle nordische We- 
sen der Jenny Lind, die er als Sängerin hochstellte, be- 
zeichnete er mit dem Ausdrucke: „Zugeknöpft; bis an die 
Zähne;" — als einst von der Richtung der modernen 
Dramatiker, in Prosa zu schreiben, gesprochen wurde, defi- 
nirte er die Dichtkunst: „In Versen denken ist Dichten, mit 
dem Verse entstand die Dichtkunst;" — der literarischen 
Anläufe des in den Dreissigerjahren auftauchenden ,, jungen 
Deutschland" gedenkt er mit folgender Bemerkung: „Sie 
haben das Reich der Poesie erweitert, indem sie nämlich 
die Prosa mit hineinzogen ; dadurch ist aber die Poesie nicht 
reicher, sondern prosaischer geworden;" — über die heil- 
lose und lächerliche Selbstvergötterung einigerPoeten, welche 
sich mit der Erschaffung einer neuen Poesie trugen, 
sprach er die herrlichen Worte: „Ich kenne keine andere 
Poesie als die von Ewigkeit; das Neue ist Auswuchs; das 
Schöne und sein Begriff sind unwandelbar; da lässt sich 
nichts reformiren. „Was machst du die Welt, sie ist schon 
gemacht," sagt Goethe und ich sag's auch; Genialität 
ohne Talent ist der Teufel der neuen Kunst; — die gelehrte 
Richtung mehrerer neuen deutschen Komponisten verurtheilte 
er mit folgender Bemerkung: „Sie ftirchten sich angenehm 
zu werden und verirren sich aus Angst in Spitalmusik." Es 
Hessen sich noch viele so geistreiche schlagfertige Antworten, 
Urtheile, Aussprüche, die iu derKonversationausseinemMunde 
kamen, und deren Sammlung einen grossen Reiz für Jeder- 
mann böte, aufzählen; dieselben berühren ebenso die täglichen 



37 

Verhältnisse des Lebens, als Gegenstände der Kunst und 
Literatur. Nur noch eines Stammbuchblattes wollen wir ge- 
denken, weil es den liebenswürdigen Humor Grillparzer s 
beurkundet; e^ sind einige Zeilen, an die schöne schwäbische 
Tänzerin Therese Heberle gerichtet, sie lauten: 

Freund Amor, sag' mir nur, 
Seit wann bist du ein Schwäberle? 
Ob Adelung auch bebe — 
Statt Rosa sagst Da „Reserle'' 
Und „Heberle" statt Hebe. 

Diese humoristisch-naiven Albumzeilen gehören friihe- 
ren Tagen an, aus der neueren Zeit (1862) aber datirt 
ein Epigramm, entstanden ich glaube anlässlich der Kon- 
gresse der Theaterdirektoren, welches weniger gutmüthig, 
daftir um so richtiger ist: 

Trotz Angst und Noth euerer Bühnenberather 
Fehlen noch drei Stücke zum deutschen Theater; 
Darnach seht euch vor allem um: 
Schauspieler, Dichter und Publikum. 

Das heisst doch mit wenigen Worten Alles sagen und 
dto Nagel auf den Kopf treffen. *) 

Anderes, was ausserhalb der zusammenhängenden Dar- 
stellung seines Lebens und Schaffens liegt, aber nicht min- 
der interessant ist, wie z. B. geschriebene Zeichnungen sei- 
ner Persönlichkeit, Nachweise über seine zerstreut gedruck- 
ten Gedichte, wie ihn selbst die Kunst, die Dichtung und 
die Mitwelt gefeiert und immer wieder feiert, eine Uebersicht 
seiner Bildnisse, eine kleine Blumenlese seiner Epigramme 
u. a. m. findet man in I — X des Anhanges. Wohl hätten wir 
Eines nochi durchzufahren, nämlich seine, des Dichters Stel- 



*) Vergleiche übrigens den Anhang S. 59, Nr. IX. 



38 

lang zur Weltliteratur, sein Verhältniss zur Menschheit, 
seine Bedeutung für die Zukunft. Jedoch das ist mehr Auf- 
gabe einer ästhetisch-kritischen als biographischen Studie; 
übrigens aber kommt uns der Dichter mit seinen eigenen 
Worten zu Hilfe. Die herrliche Stelle befindet sich in seiner 
,,Sappho'', da sie auf ihn ganz zutrifft und zudem mit we- 
nigen goldenen Worten alles sagt, was sich in dieserRichtung 
sagen lässt, so möge sie diese Skizze scliliessen; sie lautet: 

Erhabne, heiFge Götter! 

Ihr habt mit reichem Segen ihn geschmückt! 

In seine Hand gabt ihr des Sanges Bogen, 

Der Dichtung vollen Becher gabt ihr ihm, 

Ein Herz zu fühlen, einen Geist zu denken 

Und Kraft zu bilden, was er sich gedacht; 

Ihr habt mit Sieg sein würdig Haupt gekrönt 

Und ausgesät in weitentfernten Landen 

Des Dichters Ruhm; — Saat für die Ewigkeit! 

Es tönt sein gold'nes Lied von fremden Zungen 

Und mit der Erde nur wird einst es untergehen. 



Anhang. 



I. Biographien und Biographisches (Quellen). 

Gedenke Mein. Taschenbuch (Wien, Pfautsch, 12«). Jahrg. 1847. S. XV--XX. 

Album der oeterr. Dichter. (Wien, Pfautsch, 8«) l Serie, S. 97. Biographie 
G.'s 7on Otto Prechtler (nach dieser geb. 15. J&nner 1791). 

Familienbuch des öeterr. Lloyd. (Triest, gr. 4« ) 111. Bd. (1833) S. 370—380: 
,^Franz Orillparzer" von Heinrich Laube (eine geistvolle literarisch- 
kritische Lebensskizze des österreichischen Dichters, ihn gegen das 
ungereimte Ignoriren der norddeutschen Literar- und Literaturge- 
schichtler, deren jeder spätere den früheren ab- und nachschreibt, 
energisch in Schutz nehmend, und dieser duftvollen BlQthe die her- 
vorragende Stelle wahrend, welche ihr im deutschen Dichtergarten 
gebührt). 

Wiener Theaterzeitung, herausgeg. von Adolph Bäuerle. 1867, Nr. 25: 
^Yor vierzig Jahren'-^ von A. Silas (eine treflfliche, kurze aber Alles 
umfassende Lebensskizze. Nach dieser ist G. am 15. Jänner 1785 
geboren. Diese Angabe ist unrichtig, das im ^ Album österr. Dichter^ 
mit 15. Jänner 1791 angegebene das einzig richtige und durch die 
1841 seinem 50* Geburtstage zu Ehren geprägte Erinnerungsmedaille 
bestätigte Datum). 

Oeeterr. iiluetrirte Zeitung. (Wien, 4^) 1852, Nr. 39, S. 307. Biographie 
mit Porträt im Holzschnitt. 

Frankl (L. A. Dr.), Sonntagsblätter. (Wien, gr. 8^) VI. Jahrg. (1847) 
Nr. i: ^Franz (irillparzer^ von J. S. Tauber (eine kurze literarisehe 
Skizze; zu Ende derselben wird eines in einem deutschen Journale er- 
schienenen Aufsatzes über G. gedacht, worin neben der Anerkennung 
des Dichters mit unzarter Hand in das innerste Leben des Meneehen 
gegriffen wird). 



40 

(Leipzigerl lllustrirte Zeitung, herausg. von J J.Weber. 1846, Nr. 132, 
S. 30 (daselbst seine Lebensskizze mit Porträt, in einem Tableao, 
zugleich mit den Porträts von Bauernfeld, Castelli, Deinhardstein, 
Ebert, Feuchtersieben, Frankl, Grün, Halm, Lenau, Pyrker, Seidl, 
Stelzhammer, Vogl und Zedlitz).— Dieselbe L. Band. (1868.) Nr. 1288, S. 
160: „Deutsche Dichter. Franz Grillparzer.^ Von H. L. (Hieronymas 
Lorm ?) 

Iris. Original-Pariser- Moden-Magazin für Damen (Graz) l. Dac. 1850 
(11. Jahrg.) IV. Bd. Lfrg. 9: „Franz Qrillparzer. Eine flüchtige Skizze." 
(Wahrhaftig nicht mehr!) 

Mussestunden. (Wien, Waldheim, 4«.) 1859, Nr. 8, S. 57: „Ein öster«- 
reichisches Dichterleben." Ein Votivblatt von Julius Schwenda. 

Europa. Herausg. von Gusta? KQhne. (Leipzig, schm. 4®.) 1859, Nr. 48, 
S. 17, 18 (mit irriger Angabe des Geburtsjahres 1790 statt 1791). 

Theaterzeitung. (Wien, gr. 4^) 1880, Nr. 12: „Franz Grillparzer" (gleich- 
falls das unrichtige Geburtsjahr 1790 statt 1791). 

Waldheim'e lllustrirte Zeitung. (Wien, kl. Fol.) 1862, Nr. 5: „Grillparzer.'' 

Familienbuch des Seterr. Lloyd. (Triest, 4^) 1863. (Neue Folge, 3 Bd.) 
S. 270: „Franz Grillparaer.^ Literar-historische Slcizze von Thad- 
däOs Lau. 

Presse. (Wiener polit. Blatt, Fol.) 1864, Nr. 15 im Feuilleton: „Franz 
Grillparzer. Zu seinem 73. Geburtstage.^ Von Em. K(uh). Naoh' 
gedruckt im Feuilleton der „Süddeutschen Zeitung^. (Frankf. a. fiC) 
1864, Nr. 37 und 39. — Dieselbe 1866, Nr. 61 im Feuilleton: „Grillparzer, 
der Abtrünnige.^ Von Austriacus. (Eine Abfertigung unbarufener Zweifler 
an Grill parzefs Deutschthum anl&sslich seines Schreibens an die deut- 
schen Studenten in Prag, welche ihm zu seinem 76- Geburtstage ein 
Ehrendiplom übersandten.) 

Constitutlonelle österreichische Zeitung. (Wien, Fol.) 1864, Nr. 16 im 
Feuilleton: „Zu Grillparzer*8 73. Geburtstage.^ Skizze v. J. G. Eisler. 

Tages-Presse. (Wiener polit Blatt, Fol.) 1870, Nr. 177 im Feuilleton: 
„Vom Dichter der Esther.^ Von Bimini. (Enth&lt neue Züge aas dem 
Leben und Aussprüche des Dichters.) 

Dramaturgische Wochenschrift. Herausg. von Klang. (Wien, schm. 4®) 
1869, Nr. 34 und folg. „Grillparzer." 

Oesterr. National-Encyklopädie (^on G räffer u. Czikann, Wien, l 835). 
II. Bd. S. 423- (Erste biographische Skizze über G.) 

GrftfTer (Franz), Historisch-bibliographisches Bunterlei. (Brunn, I824i kl. 

8*.) S. 221. 
Conversations-Lexikon (Brockhaus, 10. Auflage). VII. Bd., S. 181. 

Nouvelle Biographie g6n6rale publice sous la direction de Mr. le Dr. 

Hoefer. (Paris 1853.) XXII. Bd., Sp. 62 (dieses und das Torige mit der 
unrichtigen Angabe des Geburtsjahres 15. Jänner 1790. Wenn dieses 
Werk sagt: „Sa vie se rösume principalement danB les oeuvres re- 



41 

marquables, quMl a donnees k la scdae allemande^ undQuerardin 
seinen ,,La France litteraire^ Tom. III. p. 477 zu dem Namen des Dichters 
einfachbeisetzt: celÄbrepo^te dramatique allemand duXlXsi^cle, 
so haben sie als Werke des Auslandes und über ausländische Lite- 
ratur mit wenig Worten dem deutschen Dichter ein Recht wider- 
fahren lassen, dasQervinus, Hillebrand, Mundt u. A. demselben 
gegen alle Gebühr Torenthalten haben). 

Meyer (J.), Das grosse Conversations-Lexikon (Uildburghausen 1853, Bibl. 
Inst., Lex. 8®). XIII. Bd., S. 1028. Eine dürftige Lebensskizze mit 
dem falschen Geburtsdatum 15- Jänner 1790. 



n. Biographisches (Quellen). 

IHuetrirtee Familienliuch dee 98terreichi8Chen Lloyd. (Triest, gr. 4®) 
Bd. III, Heft 1: ,,E]n Besuch bei Ludwig Tieck.^ (Enth&lt Mehreres 
über Grillparzer.) 

Gesellschafter, herausg. von Gubitz. (Berlin, 4^.) 1819, S. 40- „Aus 
Wien.^ (Interessante Notizen über G.) 

Sonntagelilfttter. herausg. von L. A. Frank l. (Wien, 6'.) IL Jahrg. 
(1843), S. 103: ,,Raimund und Grillparzer.'^ — S. 866: „Reise in den 
Orient.^ — S. 939: „Gräfin Hahn-Hahn und Grillparzer.'^ — S. 1099: 
.Rückkehr aus Griechenland.^ — III. Jahrg. (1844), S. 65 und 560: 
„Grill parzer*8 Libussa.^ 

Neue freie Presse. 1866, Nr. 531 : „Grillparzer über die Sprachenfrage. ^ 
(In der Correspondenz aus Prag, ddo. 19. Febr.) — 1867, Nr. 1088 
in den „Mittheilungen aus dem Publikum^. Von Verus. — Nr. 1096, 
ebenda. Von Veracissinius. (Ueber G.s Bewerbung um einen Posten 
in der Hofbibliothek.) — 1868, Nr. 1212: „Franz Grillparzer.** 
(Aus Varnhagen's Tagebüchern.) — Nr. 1291 : „Ein Wort Grillpar- 
zer's^ (in der kleinen Chronik). — 1669, Nr. 1765, im Feuilleton: 
„Aus AU- und Neu-Wien," von Bauernfeld. Fussreise mit Grill- 
parzer. 

Presse. 1866, Nr. 51: ^Grillparzer über die Sprachenfrage > — Ebenda 
Nr. 245 im Feuilleton: ,,Grillparzer bei Goethe.^ 

Allgenelne Zeltung. (Augsburg, Ootta, 4^) 1867. Beilage zwischen Nr. 293— 
299: „Kaiser Maximilian und Grillparzer.'* (Auch im Wanderer 1867, 
Nr. 270. — Presse, 1867, Nr. 289) 

Stiiitiarter literarisches Wochenblatt. 1863, S. 51 : „Franz Grillparzer.'' 

Neue Zelt. (Olmützer polit. Blatt) 1864, Nr. 276 im Feuilleton: „Wie 
Grillparzer zu Sappho und Medea kam.^ Von Joseph Weilen. 

Fremden-Blatt. Von Gustar Heine. (Wien, 4*.) 1868, Nr. 92: „Ein Wort 
von Grillparzer.'' 

Qrazer Zeltung. 1865, Nr. 167: „Eine Begegnung in Baden bei Wien.'^ 



42 

Mährischer Correspondent. 1884, Nr. 20: ..Grillparzer und Hebbel.'^ (Auch 

in den Blättern aus Krain, 186&, Nr. 4.) 
Constitutioneile österreichische Zeitung. (Wiener polit. Blatt.) 1863, 

Nr. 286, in der Wiener Chronik: «,Grillparzer und Beethoven.*^ 
Neues Wiener Tagblatt. 1870, Nr. 19, im Feuilleton: ..Vom Theater.^ 

m Ueber Qrillparzer's Namen. 

Frankl (L. A. Dr.), Sonntagsblätter (Wien, gr. 8«.) 1846, S. 671, und 
wieder gedruckt im ., Wiener Courier- 1856, Nr. 263: „Der Name 
Grillparzer^ (Ho Itei's Studie, die Entstehung des Namens des Dich- 
ters, der das Einzige an ihm war, was Holt ei nicht gefiel, zu 
erklären.) 

Dieselben S. 695 (zweiter durch Iloltei's ersten angeregter Versuch, den 
Namen G.'s zu erklären. Ging Holte i philologisch zu Werke, so 
schlägt Archioophilis, wie sich der Forseher nennt, den histori- 
schen Weg ein). 

Wiener Courier (Bäuerle's Theaterzeitung) 1857, Nr. 187: ..Der Name 
Grillparzer* von C. A. K. 

In R a f f e 1 s p e r g e r's topographischem Lexikon der österreichischen Monarchie 
.steht folgender Artikel: -Grillparz, Oesterreich ob der Enns, Haus- 
ruck-Kreis: vier, dem Distrikts-Kommissariat Wels, der Herrschaft 
Traun und Wilhering gehörige Häuser etc.; eingepfarrt nach Holz- 
hausen etc. neun Stunden von Wels entfernt." Wer die Entstehung 
der Zunamen am Ausgang des Mittelalters und deren Beziehung zu 
den Ortsnamen (i. e. ^tammortsnamen) kennt, wird den Werth dieser 
Notiz nicht unterschätzen. (Handschriftliche Mittheilung von Herrn 
Silas.) 

Im allgemeinen Adressenbuche von Wien, 1870, herausg. von Leh- 
mann, kommt S 164, vor: Grillparzer Camillo, pensionirter 
Beamter, VII. Bezirk u. s. w., dann folgt der pensionirte Hofrath 
Franz Grillparzer. Ist dieser Camillo ein Verwandter von Franz 
Grillparzer? 

IV. (hillparzer's Persönlichkeit. 

Ein treffendes Bild derselben entwirft Laube: .,Porträts helfen dazu nicht 
viel, schreibt L., dieser Kopf ist schwer zu treffen und die ganze 
Haltung gehört dazu und der Wechsel gehört dazu, welcher dies Antlitz 
und diese Gestalt mit den wechselnden Gedanken plötzlich färbt und 
bewegt. Die Formen selber nichts Besonderes an diesem Manne von 
mittlerer Grösse, der unscheinbar dahin streift unter der Menge. Nur 
die Neigung des Hauptes nach vorwärts und ein wenig nach der Seite, 
wie man's Alexander dem Grossen nachsagt, hat etwas Eigenes. 
Das immerwährende stille Sinnen und Trachten scheint dieses Haupt 
mit seinem jetzt ergrauenden Haare nach vorwärts zu neigen. Das 



43 

Auge sieht matt vor sich hin^ die Zuge des leicht gerötheten Antlitzes 
ruhen still, fast schlaff, und der vor sich hinschauende Dichter wird 
der vorübergehenden Bekannten des Dichters dann erst inne, wenn er 
vorüber ist. Da fliegt denn eine liebreiche Theilnahme über des Dichters 
Auge und Antlitz und die grüssende Stimme klingt weich und ange- 
nehm. Redet ihr ihn an, so habt ihr den Eindruck, als hättet ihr ihn 
gestört und als wäre es ihm lieber, wenn er unaufgehalten weiter- 
schreiten könnte. Aber eine wohlwollende Gemüthlichkeit gibt ihm ein 
paar freundliche Worte ein, welche fast zerstreut und einzeln an die 
Luft kommen. Eine Frage indess, welche über den Alltagssteg hinaus- 
springt, fesselt ihn sogleich und angenehm lächelnd und das blaue 
Auge nun frei und völlig aufschlagend steht er Rede. Jetzt steht der 
lauschende Dichter mit seinen anmuthigen weiblichen Eigenschaften 
vor euch: dies wunderschöne grosse Auge ruht klar und lieb auf euch 
und die weiche Tenorstimme verräth ein weiches, antheilvolles Herz. 
Er versteht so leicht und so fein, wie ein geschmeidiger Frauen ver- 
stand, er antwortet, wenn er bei leidlicher Gesundheit ist, so plötzlich 
und r^chalkhaft wie ein Mädchen, er drückt so unwillkürlich seine 
Besorgniss aus wie ein weiblicher Mund. Geht ihr mit ihm und ver- 
tieft sich euer Gespräch, so öffnet sich langsam und immer sicherer 
und sicherer die reiche Welt von Gedanken, welche von der naiven 
Frage fort und fort schreitet zur feinen tiefen Bemerkung, zur weiten 
und prächtigen Anschauung, welche in Eifer geräth, in Wärme und 
Stärke, ja in Zorn. Jetzt ist dies sanfte blaue Auge fest und nach- 
drucksvoll, da« gebeugte Haupt hat sich erhoben, der Fuss steht stilU 
die Handbewegung und Stimme wird scharf und bestimmt, ihr hört 
einen Mann, der nach allen Richtungen genau unterrichtet ist und 
genau weiss, was er will, was man wollen soll.*^ 

Oesterr. Parnass, bestiegen von einem heruntergekommenen Antiquar . . 
(Frey-sing [Hoffmann & Campe in Hamburg] bei Athanasius &Comp., 
B'*-) S. 20. (Als Curiosum setzen wir die Silhouette, welche dieser 
Pamphletist von Grillparzer entwirft-, her: ^Bleich, schwarzes Haar, 
österreichische Physiognomie, angenehmes Lächeln, trüb, verschlossen, 
geht viel mit Philistern um (1), grollend, ewig bewegte Phantasie, aus 
Furcht Patriot (!), classisches Wissen und Studium, wenig Erfindung 
in seinen Dramen, aber viel Poesie, geliebt und geachtet, bereits un- 
fruchtbar (!!!), zerfallen mit sich seihst und unthätig; Hagestolz'^)^ 

L. V. Alvensleben in seinem „Biographischen Taschenbuches^ (Leipzig 1837, 
16^) IL Jahrg. S. 92 bringt eine Federskizze über Grillparzer, welche 
in E. M. Oettinger's Journal „Argus" (Hamburg, sehm. 4*.) 1837, Nr. 
96 wieder gedruckt ist, sie lautet: „Aufdenersten Anblick, besonders 
in einiger Entfernung, unbedeutend. Er ist mittelgross, hat eingefallene 
Wangen, .die Gesichtsfarbe der Leberkranken, tiefe Schwermuth spricht 
sich in seihen Zügen aus, die sich aber im Gespräche schnell und 
wunderbar beleben und den Dichter von glühender Phantasie, welcher 
der deutschen Sprache ihre süssesten Laute abzugewinnen wusste, er- 



44 

kennoQ lassen, doch bleibt ihnen eine gewisse Aeng^tlichkeit, die 
Furcht verletzt zu werden, unverkennbar aufgedrückt; man fühlt, dass 
dieser Mann tausend Fühlhörner hat, dass jede noch so leise Berüh- 
rung ihn tief verwundet; er ist eine Sensitive. Sein Anzug ist wohlge- 
ordnet, ohne gesucht zu sein; er trigt eine Brille.'' — 
Cajetan Cerri in der ,,Iris'' vom Juli 1850 zeichnet folgende Silhouette des 
Dichters: „Eine eigenthümliche stille, anspruchslose, fast unscheinbare 
Erscheinung; kleine, etwas gebeugte Gestalt mit einem ovalen, ein 
wenig nach der Seite hängenden Kopfe: kurzes, graues Haar: kurze 
Stirne; freundliche tiefgeprägte Züge; sanfter Blick; dunkles lebhaftes 
Auge: schlichter und altmodischer Anzug: im Benehmen äusserst ge- 
müthlich, treuherzig, bescheiden, ja fast scheu; seine Gutmüthigkeit 
und Zuvorkommenheit mit Allen, namentlich aber mit auftauchenden 
Poeten, sind sprichwörtlich geworden, und haben bereits viele schöne 
junge Talente unterstützt, aber auch manche Unberufene zur Selbst- 
überschätzung verleitet; sein Gespräch Ist höchst belehrend, lebendig, 
geistreich und klar ; man sieht es gleich, dass man es mit einer grossen, 
fertigen Individualität zu thun habe, die mit sich selbst abgeschlossen 
hat. Anfangs erscheint er etwas wortkarg und kalt: aber gelingt es 
uns sein Vertrauen zu gewinnen, so wird sein Wort zu einem frischen 
sprudelnden Quell, und sein Gemüth offenbart sich als ein unendliches 
Meer, das uns gern in seine perlenreichen Tiefen senken lässt. Er 
bleibt am liebsten allein und spricht sehr oft mit sich selbst: kein 
Bart; trägt sehr selten Augengläser: macht jeden Abend seinen ein- 
samen Spaziergang, gewöhnlich mit den Händen am Rücken und in 
tiefen Gedanken verloren; bei Kleidern, Speisen, Vergnügungen — 
kurz, bei allen Erfordernissen des äusserlichen Lebens ungemein ge- 
nügsam und mit Allem zufrieden; als Mensch ein reiner consequenter 
Charakter, und die Ehrenhaftigkeit selbst; in der literarischen Welt 
unstreitig der erste österreichische Dichter, der noch in der vormärz- 
lichen Zeit Oesterreichs Literatur gegenüber dem übermüthigen Aus- 
lande muthvoU und siegreich vertrat.^ 



V. Zur Kritik seiner Sichtungen, 
a) Allgemeines 

Berliner Figaro, 1830, Nr. 237 (9. October): „Das Dichter-Quintett Müll- 
ner, Houwald, Grillparzer, Immermann und Raupach^ (bestreitet Grill- 
parzern die Gabe, antike Stoffe zu behandeln (!) und weist ihn auf 
die Bahn des geschichtlichen Dramas). — 

Seidlitz (Julius Dr.), Die Poesie und die Poeten in Oesterreich im J. 1836 
(Grimma 1837, J. M. Gebhart, kl. 8«.) 1. B. S. 77—88. („Nie hat 
Grillparzer, schreibtS., wie Shakespeare,Schiller oderGrabbe 
einer grossen Zeit das Gewand seiner Dichtung umgeworfen, doch 
darüber wollen wir nicht mit ihm streiten — er lebt und dichtet in 



45 

Oesterreich. loh glaube nicht zu irren, wenn ich behaupte, er hätte 
seine Dramen zum Munde gemacht, aus dem die Zeit grosse inhalt- 
schwere Worte zu uns gesprochen, wenn er nicht wohl gewusst, dass 
die Censur schnell ihre Hemmketten um das rollende Rad seiner Rede 
schlingen würde. Seine südlich glühende Romantik scheint uns ohnehin 
immer ein Geheimniss zu verschweigen, mag sein, dass es das Ge- 
heimniss seiner Brust ist, dessen Wolken sich dnnkelgrau an dem 
nimmel seiner späteren Werke ablagern. Auch darin liegt eine tiefe 
Eigenthümlichkeit seiner Poesie und seines Wesens, und des Landes 
und der Religion, der er angehört Kein protestantischer Dichter rer- 
möchte das Geheimnissvolle so zu realisiren, und auch wieder so in 
seine Charaktere zu bannen, wie Grillparze r. Auch darin schliesst 
er sich den Spaniern an und ich irre wohl nicht, wenn ich ihn den 
Tragöden des Katholicismus nenne, in dessen tiefster Brust ein neuer 
Calderon schläft... Der Lyriker Grillparzer, kraftvoll, mächtige 
und ergreifend in seinen Gedichten, ist wenigstens ebenso gross, 
als der Dramatiker. Seine Dichtung ist subjectiv.^) — 

Lorm (Hieronymus), Wiens poetische Schwingen und Federn (Leipzig 

1847, Grunow, 8^) S. 89 — 120. (Eine interessante literarisch-kritische 
Lebenskizze. Fasst sein geistiges Wirken in folgendes Endurtheil 
zusammen: „Uebersieht man sein ganzes literarisches Wirken, so 
glaubt man in das Atelier eines grossen Bildhauers zu blicken, in 
welchem ein Erdbeben das Meiste umgestürzt hat und von den erha- 
bensten Götterbildern eben nur so viel Göttlichkeit und Reiz übrig 
liess, um die Vernichtung tief betrauern zu lassen. Ist er schuldig, 
ist er bloss unglücklich? Man möchte ihn für das erstere halten, 
wenn man so Herrliches zerstört weiss, weil er nicht Muth oder Kraft 
hatte, die österreichischen Literaturfesseln abzustreifen; man möchte 
wieder in Mitleid um ihn vergehen, wenn man ihn trauernd ruhen 
sieht auf den Ruinen einer Poesie, der eine deutsche Unsterblichkeit 
aufbehalten gewesen wäre, auf ungebomen Werken, die er, statt sie 
zu schaffen, in seiner Seele zu Trümmern zerschlagen musste.") 

Schnidt (Julian), Geschichte der deutschen Literatur im 19. Jahrhundert 
(Leipzig 1855, Herbig, gr. 8^) 2. Aufl. (Gharakterisirt die drama- 
tischen Arbeiten G.s einzeln und sagt im Allgemeinen über ihn: 
„Im nördlichen Deutschland ist Grillparzer wenig bekannt; Oester- 
reich dagegen ist stolz auf seinen Dichter und hat ein Recht dazu, 
denn die Reinheit seiner Formen und das Methodische in seiner 
Composition verdient die vollste Anerkennung.^) 

Gottachall (Rudolph), die deutsche National-Literatur in der ersten Hälfte 
des 19. Jahrhunderts (Breslau 1855, Trewendt und Granier, gr. 8^) 
I. Bd. S. 181—185. (Ueber die .Ahnfrau" sagt Gottschall: „So 
wenig sich die Grundlage (auf welcher diese Tragödie fusst) für eine 
moderne Tragödie eignet, so hat doch die „Ahnfrau" bedeutende 
dramatische Vorzüge in der Ck)mposition, die sich durch engen Zu- 
sammenhang auszeichnet und in der Ausführung, der es weder an 



46 



psychologisch-interessanten Momenten noch an dichterischem Schwünge 
fehlt. Freilich überwiegt nach spanischem Muster die Troch&enlyrik 
mit ihren rhetorisch breiten Expositionen und die ganze Handlung- 
bewegt sieh schattenhaft auf der schwarzverhangenen Schicksals- 
bühne." — In der „Sappho^-findet Gottschall v>die Diction mustergil- 
tig, von antiker Klarheit, Lieblichkeit und Würde, aber auch von 
berauschender Kraft des Ausdrucks- Alle Töne in der Scala der 
Leidenschaft sind mit gleicher Virtuosität angeschlagen. Die Färbung 
des hellenischen Himmels ist mit grosser Treue gewahrt, ohne dess- 
halb das Stück dem modernen Bewusstsein und der germanischen 
Innigkeit zu entfremden. — Die ^Medea'* steht neben der ^^Sappho*^ wie 
die weibliche Wildheit neben der Hoheit, die Barbarei neben der 
Bildung, die Rache neben der Entsagung, die Leidenschaft, die zer- 
störend um sich greift, neben der concentrirten Innigkeit, die sich 
selbst verzehrt. In diesen beiden Frauengestalten hat Grillparzer 
das gleiche Problem des Herzens in entgegengesetzter Weise gelöst 
und dies Problem selbst dramatisch zu fassen, war sein Verdienst, 
da er hierin keinen bedeutenden Vorgänger hatte. — »Hero und 
Leander« meint Gottschall, „enthält herrliche Einzelheiten, pla- 
stische Schilderungen und psychologische Momente von glücklicher 
Wahrheit, aber die Einfachheit der Composition ist hier durch zu 
wenig Hemmungen und Einschnitte der Handlung gehoben, um aus 
einem Gemälde mit einzelnen dramatischen Gruppen eine spannende 
Tragödie zu schaffen. — Im ^Traum ein Leben^, meint Gottschall, 
„macht die Fülle der Ereignisse einen schreckhaften Eindruck, wie 
ein ängstlicher Traum, man fühlt den Alpdruck der Gewissensangst 
aus dem Ganzen heraus. Das skizzirte Traumleben mit seinen ge- 
spenstischen Gestalten, dem bunten Knäuel von Begebenheiten, den 
Verbrechen des Ehrgeizes löst sich zuletzt in die harmonische Idylle 
auf.^ — In den zwei historischen Tragödien ^»König Ottokars Glück 
und Ende^ und ,^Ein treuer Diener seines Herrn "^ vermisst Gott schall 
die Grösse einer geschichtlichen Weltanschauung und einer wahrhaft 
freien Gesinnung (die norddeutschen Kritiker scheinen die wahrhaft 
freie Gesinnung immer dann zu vermissen, wenn ein Oesterreicher in 
seinen- Dichtungen sich auch als Oesterreicher fühlt. Ein eigenthüm- 
lieber Massstab für die Freiheit des Denkens.) Gott seh all findet 
ferner ,^die Treue, die in „Ottokars Glück und Ende^ verherrlicht 
wird, in ihrem knechtischen Servilismus keineswegs herzerhebend und 
das Aufgeben der Menschenwürde und der unbedingte Gehorsam 
gegen despotische Willkür bilden seiner Ansicht nach ein wenig 
geeignetes Piedestal für einen dramatischen Helden.'' Nach dieser 
Uebersicht der Arbeiten Grilloarzer's findet Gottschall des 
österreichischen Dichters Begabung durch eine gewisse Engherzigkeit 
am bedeutenden Aufschwünge verhindert, obschon sein Talent durch 
feinen Kunstsinn geregelt, doch auf einem Niveau mit den grössten 
unserer nachklassischen Zeit steht.) 



47 

Warm und wahr ist die ästhetisch-kritische Lebenskizze Grill parzer's 
von Heinrich Laube. Wir verweisen auf dieselbe als auf das 
Beste, was über ihn geschrieben worden. ^Tausende/ schreibt 
Laube, nachdem er die reizende Lage und Landschaft Wiens ge- 
schildert, ^sehen das und erleben auch Gedankenanfftnge und gehen 
tinter. £iner von ihnen trägt den Zukunf^skeim unzerstreut nach 
Hause, weil er nicht leicht zugänglich, weil er nicht schwatzhaft ist, 
weil der dichterische Keim seine Muschel bedrängt, lieber diesen 
Einen schalten und schelten denn auch die tausend Vorübergehenden, 
dass er so sonderbar, ja verdriesslich sei, kurz, dass nichts mit ihm 
anzufangen sei. Nein, die Masse weiss nichts mit ihm anzufangen, 
er wird ein Dichter und sein Name steigt aus der Masse 
empor. Dieser heisst Franz Grillparzer Italien und Grie- 
chenland waren G.s Geiste innig vertraut. Man kann diesem form- 
reinliehen Zuge, dieser keuschen Liebe classischer Anschauung durch 
alle seine Werke folgen. Sie ist dem Kurzsichtigen klar in ,.Sappho^, 
in der ^Medea"^, in „Hero und Leander^*, — ..Des Meeres und der 
Liebe Wellen'', — sie ist aber auch ersichtlich in den Schöpfungen, 
welche den Bfirgersohn einer altgeschiehtlichen und romantischen 
deutschen Stadt, welche den Sohn eines völkerreichen und darum 
bunten Staates bezeichnen, den Verfasser „Ottokars", welcher auf dem 
Marchfelde erlag, den Verfasser des Banebanus — .^Treuer Diener 
seines Herrn", — den Verfasser dos altdeutschen ^Weh' dem. der 
lugt", den Verfasser des orientalischen ..Traum ein Leben". In allen 
diesen Steifen waltet der klassische Sinn sauberer, sorgfältig abge- 
glätteter Form, der Sinn für einfach feine Gedanken.-. . .Treft'end und 
kurz erklart Laube, wie es kam. dass eine solche poetische Grösse, 
wie Grillparzer, so lange in Deutschland unbekannt bleiben 
konnte: ,.Dass Grillparzer ein Oesterreicher ist und seinen Wir- 
kungskreis immer nur in Oesterreieh gesucht, das hat allerdings we- 
sentlich beigetragen, ihn unkenntlich zu erhalten für die Kritik 
deutscher Literatur. Der Mangel an Verbindung zwischen Oesterreieh 
und Deutschland war gross, die in Deutschland zur Schau getragene 
Geringschätzung für österreichische geistige Grössen war nicht min- 
der gross und der Mangel an nachdrucksvollen, Stimmen aus Oester- 
reieh, welche die Leute jenseits der mährischen und böhmischen 
Grenzgebirge hätten aufklären und fiberzeugen können, war noch 
grösser. Sowie in Deutschland die Kritik überwucherte, so stockte sie 
in Oesterreieh und die Prosa, das Frgebniss des lebhaften Geistes- 
verkehres, entwickelte sich nicht. Darunter musste der Ruhm einer 
österreichisch-poetischen Grösse bitterlich leiden.-. . .Laube sehliesst 
die Lebensskizze mit einer eben auf Grillparzer ganz anwendbaren, 
aus der Beobachtung einer Naturerscheinung geschöpften Bemerkung. 
Nachdem Laube die Perlenbildung der Muschel poetisch erklärt, als 
sammelte nämlich die Muschel auf Kosten des sinnlicheren Lebens 
a.lle edleren Bestandtheile in einen Punkt, welcher Perle wird, und 



48 

welcher den Menschen reizender und werthvoller erseheint, als alles 
übrige Qehäuse und Leben, schliesst er: ^W^nigstens hat Grill par- 
zer wenn durch nichts Anderes, dadurch seinen Dichter'beruf an den 
Tag gelegt, dass er sein ganzes lieben hindurch immer seine edel- 
sten und reinsten Bestandtheile verdichtet und verklärt hat auf seine 
eigenen Kosten — zur Freude und zur Erhebung sinniger Menschen. 
Er ist eine Perle geworden für sein Vaterland.'* 
Gervinu« (G. G.)- Geschichte der deutschen Dichtung (Leipzig, Engel- 
raann) 4. Aufl. V. Bd. S. 595, 624 und ß32. (Das ürtheil des gprossen 
Literatur-Geschichtschreibers dnr deutschen Nation über Grillpar- 
zer hieher zu setzen ist unndthig. Es ist nichtig, von der Parteilei- 
denschaft des Norddeutschen gegen alles Süddeutsche irreg'eführt, ja 
es erweckt sogar Zweifel, ob Gervinus die Werke Grillparzer's 
alle gelesen, weil in diesem Falle selbst die kohle norddeutsche Re- 
flexion zu wärmeren Ausdrücken und Ansichten über den Genius des 
süddeutschen grossen Dichters gekommen wäre.) 
Morgenblatt (Stuttgart, 4*^) 1819, Nr. 3. Im Aufsätze: ,,Unternacht-Gedan- 
ken über den magnetischen Weltkörper im Erdkörper. Nebst neuen 
magnetischen Gesichtern^^ von Jean Paul kommt folgende Stelle 
vor: ^Neuo gute Tragödiensteller (z. B. Werner, Grill parzer in 
der ^ Ahnfrau ^') stellen die von ihnen gebornen Personen in den letzten 
Akten häufig auf den Kopf und nie ohne Erfolg — was körperlich 
mit der Faulbrut bei den Bienen geschieht, wenn diese ihre Bienen- 
maden in den Zellen mit den Köpfen unten legen, nur dass sie dann 
nicht heraus können — sondern verfaulen — aber mit doch grösserem 
Erfolge werden Tragiker eingreifen, welche den neuen Ultra- oder. 
Uebertheologen sich anschliessend, ihren Kindern nicht einmal etwas 
geben, worauf sie zu stellen wären. ^ 

Wienerbote. Beilage zu Dr. L. A. Frank Ts Sonntagsblättern 1848, Nr. 2, 
S. 10: ^Grillparzer's männliche und weibliche Charaktere.^ 

Oestr. Blätter fGr Literatur und Kunst. 1856, Nr. 5 u. f.: ^Grillparzer^s 
Dramen. Eine kritische Studie.^ 

Neue freie Presse 1865 Nr. 1212 im Feuilleton: ,.Zur Würdigung Grill- 
parzerV Von M. M. — 1870. Nr. 1932 im Feuilleton: „Wien upd 
Oesterreich in Grillparzer's Dichtung** von Em(il) K(uh). 

Tagesbote aus Böhmen (Prager polit. Bl.) I865, Nr. 94 im Fäuilleton. 
„Oesterreichische Dramatiker^ von Lud. J. Bayer. — Der Uftheile von 
Borne über Grillparze r ward bereits in der Lebensskizze gedacht. 

b) Zur Kritik und Gesohiclite seiner einzelnen Dramen. 

I. Die Ahnfrau. Zum ersten Male aufgeführt am 31. Jänner 1817 im 

Theater an der Wien zum Vortheile der k. k. Hofschauspielerin 

Sophie Schröder. — Die Besetzung war folgende: Borotin: Herr 

• Lange, k. k. pens. Hofschauspieler, als Gast; Bertha: Fi au Sophie 



49 

Sebröder; Jaromir: Herr Heurteur; Bolesiaw: Herr Eüstner; 
Haoptmann : Herr Demmer; Friedrieh, Soldat: Herr Schmidtmann. 
Deeorationen von Gail, De Pian (Vater); Costum von Phil, von 
Stnbenrauch. — Die „Ahnfraa" ist seit ihrer ersten Aufführung 
bis 1848 über 60mal im Burgtheater gegeben worden. In den politi- 
schen Stürmen der folgenden Jahre blieb sie liegen, bis sie Laube, 
dem wir die Wiedereinsetzung des grossen österreichischen Dichters 
in sein Bflhnenreeht verdanken, 1851 wieder auf das Repertoire 
brachte. — Ueber die „Ahnfrau^^ vergleiche: Börne (Ludwig), Ge- 
sammelte Schriften (Hamburg, 1840, Hoffmann u. Campe, kl 8®.)i 2. Aufl. 
11. Thl. S. 24. Das Urtheil des geistreichen Börne über das Traner- 
spiel stand zuerst in der von ihm redigirten „Wage^^ — ' Theaterzeitung 
1818, Nr. 14^16. — Dieselbe 1860 Nr. 14 in den Kunstnotizen (anlAsslich 
des Vortrages von Laube in der grünen Insel). — Sammler (Wiener 
Unterhaltungsblatt, A?) 1818 Febr. — Uebrigens rief dieses Stück gleich 
In den ersten Jahren, die seiner Aufführung folgten, einen förmlichen 
kritisch- literarischen Sturm in der deutschen Journalistik hervor, es 
wurde, wie einer seiner Biographen sehreibt, ,,damals und sp&ter viel 
Tolles und Gelehrtes, Absurdes und Schönes aber dieses erste Werk^ 
G.8 allerorten gesehrieben. — Bemerkenswerth ist die Vorrede, 
welche G., nachdem man seine „Ahnfrau^ mit dem Bannworte 
„Schieksalsbragödie^ in ein Schema eingesargt, zur ersten Ausgabe 
derselben gesehrieben, worin er unter Anderem ausdrücklich erklärt: 
,,die Schule nicht zu kennen, zu der man ihn zu zählen beliebt, und 
ttieht zu wissen, mit welchem Rechte man einen Schriftsteller, der 
ohne Anmassung und ohne Zusammenhang mit irgend einer Partei 
sum ersten Male im Publikum auftritt, Ungereimtheiten zur Last legt, 
die von Andern, sei es auch zu seinem Lobe, gesagt werden mögen." 
' — Ueber das literarische Leben in jener glücklichen Zeit, als die 
„Ahnfrau^ gegeben worden, über den Antheil, den die damaligen 
Schriftsteller an dem Erstlingswerke des jungen Dichters nahmen, 
• vergleiche man die anregend geschriebene Skizze: „Vor vierzig Jahren 
(31. Jänner 1817) von A. Silas in der Theaterzeitung 1857, Nr. 25- 
— Eine französische Uebersetznng der „Ahnfrau" erschien unter dem 
Titel: ,.L'aieule, trag^die en 5 actes, trad. de Tallem. (en prose) par 
un menbre de la soei^te litteraire de Genöve" (Genöve 1820, Marc 
Sesti^ Als, 8^> — Von der „Ahnfrau" bestehen auch englische, ita- 
lienische, Schwedin che Uebersetzungen; ferner eine polnische unter dem 
Titel : „Ostatni z domu Borotynskich^^ und eine iechische von Jos. V. 
Spot, betitelt: ^Pramäti, Smntnohra v 5 jednädich« (Prag, 1824, 
Nenreuter, 8®.), und ist sie auf den BQhnen in England, Italien, 
Polen und Schweden mit ungetheiltem Beifall und nachhaltigem 
Erfolge gegeben worden. — Eine Parodie zur „Ahnfrau" gab 
Adolph von Sch,^den heraus, betitelt: „Die Ahnfrau, ein musikali- 
sches Quodlibet tragi-komischer Natur." (Vergl. das literar. Con- 
v«E8ationsblatt 1818, S. 163) — Betreffs der ,,Ahnfrau" ist noch auf 

4 



50 

eine Stelle in der Ersch und Gruber'schen AUgem. Encyklopidie 
der Wissenschaften und Künste (Leipzig, 1822, Oleditsch, 4*.) I. Sect. 
98. ThI. S. 18 aufmerksam zu machen, in welcher der rheinische 
Antiquarius, Herr von Stramberg, gelegenheitlich des Artikels über 
die Familie Esch das Folgende sagt: ^Karl Friedrich Freiherr Ton 
Esch hinterliess aus zwei Ehen eine zahlreiche Nachkommen- 
schaft und ist Franz FreiheiT v. Esch, Oberst in k. k. Diensten und 
Commandant des Kärassierregiment es Kaiser Nr. 1, vielleicht auch 
das Bild, welches dem Dichter der Ahnfrau (Grillparzer) 
für seinen Jaromir von Esch vorschwebte, einer von dessen 
Söhnen.'' — Als einesCuriosums sei hier noch einer kleinen Notiz gedacht, 
welche Herausgeber einer handschriftlichen Mittheilung des Herrn Silas 
verdankt. Sie lautet: ^Das Fremdenblatt vom November 1862 ent- 
hält: Die Verpachtung des gutsherrlichen Schlosses zu Borotin sammt 
Provenienzen im Brünner Kreis, ausgeschrieben von der freiherrl. 
Simon von Sinaschen Güter- Direction in Wien.'* 
2. Sappho. Zum ersten Male aufgeführt am 21. April 1818 im Hofburg- 
theater; seit dieser Zeit bis 1848 ist ,,Sappho^ an derselben Bühne 
über 50mal gegeben worden. Nachdem sie in den Jahren der politi- 
schen Wirren für einige Zeit von der Bohne verschwunden war, 
brachte sie Laube 1852 wieder aufs Repertoire. — Vergleiche darüber 
Börne (Ludwig), Gesammelte Schriften (Hamburg. 1840, Hoffmann und 
Campe, kl. 8^) 2. Auü. IT. Thl. S. 96—109. Börne leitet seine Kritik 
über ytSappho" mit folgenden Worten ein : «Vor etwa zwei Jahren wurde 
uns diese Tragödie mit dem Spiele der Frau Schröder gleichzeitig 
bekannt. So empfingen wir eine köstliche Frucht in golde- 
ner Schale mit Dank und Freude aus den Händen der grossen 
Künstlerin." Nach einer in scharfen Zügen gegebenen Uebersieht des 
Stückes und des Hanptcharakters: der Sappho, fdhrt Börne fort: 
«Doch schon zu lange habe ich in diese Sonne gesehen, um ihre Flecken 
zu ergründen: geblendet senke ich den Blick, mich ferner nur ihrer 
WArme und ihres Lichtes zu erfreuen. Welche tiefe, doch nicht ein- 
schneidende, verwundende, nur vordringende Blicke hat der Dichter 
in das weibliche Herz geworfen! Von dem Dornenritze jener Hose, 
die Sappho's Herz blutig anstreift^', bis zu der Entführung Melittens. 
der es durchbohrte — wie wahr schön und naturtreu ist das Alles 
vorgebildet!. .Wenn mir auch das Gebot des Dramaturgen, eine 
dramatische Handlung dürfe eine gewisse Bühnenl&nge nicht über- 
schreiten, sonderbar erscheint, da ich erwäge, da^ doch dem Maler 
verstattet ist, eine meilen weite Landschaft in einen fussengen Rahmen 
zu sperren, wenn nur Licht und Schatten, Qrössenverh&ltniss und 
Fernsicht beobachtet sind — so rühmlich bleibt doch, dass der Dich- 
ter ^Sappho's" jene Forderung so völlig zu bewahren verstand. Inner- 
halb eines Tages und einer Nacht sieht man den Keim, das Wach- 
sen, die Blüthe. die Frucht, das Hinwelken der Liebe; die Natur 
selbst hatte keiner längeren Zeit bedurft.^ Und nachdem Börne noch 



51 

kurz die einzelnen Charakteie des Pliaon und der Melitta skiz- 
zirt, sehliesst er: ^Soll ieh noch sprechen von dem holden Zauber in 
allen Reden unsere» Dichters? Von diesei bald milden, bald glühen- 
den Farbenpracht, von der Sch&nheit und Wahrheit seiner Bilder, 
Ton der Tiefe und Wftrme seiner Eropfindongen? Dieser wundervolle 
paradiesische Garten ist genug gepriesen, wenn ich ihn dem Frucht- 
markt anderer neuen Dichter gegen Qberstelle. Dort findet sich des 
Vollkommenen gar viel für Kilehe und Magen, nur nichts fOr Herz 
und Phantasie. Zierliche Weltweisen, sind sie mit Lob su nennen, 
welche Bficherschr&nke voll guten Verstandes mit Blumenguirlanden 
umhängen, oder wohl auch einer saftigen Frucht, ein abgerissenes 
gränes Blatt unterlegen oder essliche Kuchen mit Dragen bestecken 
— aber Dichter sind sie nicht. Grillparzer ist ein Dichter.^ — 
Ausserordentliche Beilage zum Notizenblatte des ,,Sammlers^ 1818, 
zu Nr. 51: dann Hauptblatt Nr. 52 und 53 und ausserordentliche 
Beilage zu Nr. 54 (eingehende Besprechung der ersten Aufführung 
dieser Dichtung). — Wiener Zeitschrift für Kunst, Literatur, Theater 
und Mode. 1820, Nr. 130 und 131: y»Ueber das antike Oostflm in 
Grillparzers Sappho^ von Böttiger. — Chronik der österr. Literatur 
(Beilage zu Hormayr's „Archiv^) 1819, Nr. 21. — Morgen blatt 
(Stuttgart. 4®.) 1818, S. 1155: «.Grillparzer's Sappho und Phaon.^ 
(Versuch darzustellen, wie G. selbst diese zwei Charaktere aufgefasst 
hat) — Dasselbe 1819, S. 252 (in der CoiTcspondenz ans Wien). — 
Literaturblatt (Beilage des ,,Morgenblattes^) 1819, Nr. 18. — Literar. 
Wochenblatt (Leipzig, 4*.) 1819, IV. Bd. Nr. 13 (August). — Der 
Humorist, herausg. von M. G. Saphir. 1840, Nr. 222 (9. Nov.): 
„Dldaskalien^ von M. G. Saphir. (Besprechung einer Aufführung 
dieses Stückes im Burgtheater.) — (Hamburger) Originalien. 1818, 
Nr. 152- Der Recensent der «Sappho^ in diesem Blatte klagt über 
Schreibfehler in dem Stücke und verbessert eine Stelle im 3- Acte: 
Böttiger weist in der ,. Abendzeitung^ (1818, December) den 
Verbesserer zurecht. — Eine französische Uebersetzung der .Sappho^ 
erschien unter dem Titel: „Sappho, tragedie en 5 actes et en vers, 
trad. de Tallem. par de L****'( Paris 1821, Barba, 8") — Das Journal 
des D^bats, 1818, 1- Juni bringt einen komischen Bericht über den 
Erfolg der ersten in Wien stattgehabten Aufführung der ^Sappho-* 
von Gripalzer, wie der Dichter genannt wird, der im 5. Acte 
gekrönt und dann in Procession in die Wohnung geleitet worden 
sein soll! Der Referent scheint nicht zu wissen, dass man bei uns 
nur T&nzerinnen abgöttische Ehren erweist; mit den Poeten macht 
man es sich bequemer. Unter den übrigen Abgeschmacktheiten, welche 
das ^Journal des Debats'^ bringt, steht auch die von einer beträcht- 
lichen zu Gunsten des Dichters eröffneten Subscription, welche in 
wenigen Stunden vollendet war!! — Grfiffer (Franz), Historische 
Unterhaltungen (Wien, 1823, 8'.) S. 45: ^Ein Franzose über Grill- 
parzer's Sappho.** — Eine italienische Uebersetzung gab Guido So- 

4* 



52 

relli unter dem Titel: .Saffo, Tragedia^ (Florenz 1819, 16*0 heraus. 

— Eine gelungene englische Uebersetzung der ^Sappho^ ist schon 
1822 in London bei Black erschienen. — Eine zweite Uebersetzung 
erschien unter dem Titel: ^Sappho, a Tragedy by Fr. Griliparzer, 
translated by L. C. C.^ (Edinburg, 1855, Constable). (Vergl. Wiener 
ConTorsationsblatt, Theaterzeitung) 1855, S. 1113. — In neuester Zeit 
wurde in Kordamerika eine englische Uebersetzung von G.s „Sappho% 
ausgeführt Yon Miss Edda Middletonund 1858 bei Appleton & Comp, 
in New- York ausgegeben. (Zwischenact 1858, Nr. 59.) — Parodie 
der „Sappho^*: „Die moderne Sappho" von Adolf y. Schaden. (Vergl 
Haller, Literatur-Zeitnng, 1819, Nr. 159. — Literarisches Wochen- 
blatt. IV. Bd. (1819.) Nr. 13. (Die Niedrigkeit und der Schmutz selbst.) 

3* Das foldene Vlieaa. Zum ersten Mal aufgeführt 2t(. u. 27. März 1821 im 
Burgtheater. Am 26. ^Der Gastfreund^ und die „Argonauten^ zum 
Vortheile der Regie; am 27. „Medea^ zum Vortheile des Verfa^'sers. 
Nachdem es Deeennien in der Theatexbibliothek dem Staube Preis 
gegeben war, zog es Laube 1857 wieder an*s Lampenlicht und der 
glänzende Erfolg rechtfertigte diese rottende That. — Vergleiche über 
die Trilogie: Der Wandere; (Wiener Blatt, 4^) 1821, S. 155 u. f. 
(Ausffthrliche Besprechung dieser Trilogie.) — Zeitungjär die ele- 
gante Welt 1821, Nr. 78 - 80. (Bericht ans Wien aber die Dar- 
stellung und die Dichtung selbst.) — Dieselbe 1821. S. 844 und 
1822, Nr. 151 u. 152. — Wiener Zeitsehrifb für Literatur etc. Ton 
Joh. Schickh. 1821, Nr. 46- — Das anfängliche Verhalten der 
Kritik gegenüber diesem Stücke hatte jene Geringschätzung der 
Grillparzer'schen Muse zu Folge, welche sich einige Zeit breit 
machen wollte. G. selbst nahm dies mitleidig lächelnd hin. Aber seine 
Werke blieben seitdem ausserhalb Oesteireich leider fast unbekannt. 

4. K5iiig OttokaraQlSck und Ende. Zam ersten Male aufgeführt 19. Februar 
1825 im Burg^heater znm Benefice der Regie. Bei der Aufführung dieses 
Stückes machte sich zuerst in Wien eine gross «österreichische 
Partei geltend. Ihr Organ war damals das Hormayr'sche „Archiv^ 
ein Blatt, welches Liebe zum Vaterlande, Treue für den Thron und 
die Dynastie, kurz alle Bürgertngenden weckte, ein Blatt, welches 
Wien besass, als man daselbst kaum anderthalb Dutzend Blätter 
druckte und das Wien fehlt zu einer Zeit, da in demselben über 200 
Blätter erscheinen. Hormayr^s Archiv für Geschichte, Statistik ... 
(Wien, 4*.) 1825, brachte Nr. 22 u. f. S. 114—22; S. 123—27 und 
S. 309—322 eine ausführliche kritisch-ästhetische Studie über„Ottokar^. 

— Der Gesellschafter von F. W. Gubits, 1825, S. 579 u. 583. Be- 
sprechung von Ernst Grosse; — und früher schon im Beiblatt dazu : 
Zeitung der Ereignisse und Ansichten. 1825, S. 273: ,.Miscellen aus 
Wien."^ —Abendzeitung, herausg. von Th.Hell (Hofrath Wink 1er) 
1826, Nr. 62, 63. — (Stuttgarter) Morgenblatt. 1825, S. 327: „Cor- 
respondenz aus Wien 28. Februar 1825.^ — Zeitung für die elegante 
Welt. 1825, Nr. 121: „Literarische Rapports.^ — Literaturblatt von 



53 

MenzeL (Beilage des ^Morgenblattes^) 1825, Nr. 36, 37. Besprechung 
Ton Müllner. — Heinrieh Anschfttz, Selbstbiographie (Wien 1866) 
S. 296 — ^300. — Die unter dem Titel ^Parabasen^ im „Kometen" 1843, 
Nr. 1 enthaltenen epigrammatischen Reimereien bringen auf den 
,,Ottokar^' folgende Reime: 
Hättest Du an Ottokaren Dich nicht allzusehr vergangen, 
Würd' es nach historischen Dramen wohl die Welt von Dir verlangen. (!! ) 

5. Ein treuer Diener aeinee Herrn. Zum ersten Male aufgeführt am 28- Fe- 

bruar 1828 im Bnrgtheater. Das Stfick wurde fflr ein ParteistQck ge- 
halten, und merkwürdig in einer politisch todten Zeit von einem Qe- 
sichtspunct aufgefasst, der in einer politisch vielbewegteren — die 
denn doch das J. 1851 war, in welchem es wieder auf der Bühne er- 
schien, — dessen Aufführung nicht beirrte und den ungetheilten Beifall, 
mit dem es aufgenommen ward, nicht schmälerte. — Wochenschrift 
für Kunst und Literatur, herausgeg. von Aimä v. Wouwermans 
(Graz, 8^) 1850, Nr. 8: (ein Urtheil Ernst von Feuchtersl ebenes 
über dieses „Lieblingswerk^* Gs). — Theaterzeitung, herausg- von 
Ad. B&uerle. 1851, Nr. 277. (Besprechung dieser Dichtung, nachdem 
Laube dasselbe — da es zwei Decennien nicht gegeben worden — 
am 18- October 1851 wieder zur Aufführung brachte.) -- Oestr. Blätter 
für Literatur u. Kunst. Nr. 43 — i5, 1853- S. 248 u. f. (eine ausführ- 
liche ästhetisch-kritische Studie von Alexander Gigl). — Von lieber- 
Setzungen ist mir eine 6echische von Wenzel Pok bekannt; ob sie 
auch gedruckt ist, weiss ich nicht, aber aufgeführt wurde das Stück 
im ^eehisehen Theater Prags im J. 1855. 

6. Des Meeres und der Liebe Wellen. Zum ersten Male aufgeführt am 

3. April 1831 im Burgtheater. Nach wenigen Aufführungen verschwand 
das Stfick von der Bühne. Frau Bayer-Bürck hatte sich dann die 
Rolle der Hero zu eigen gemacht und so kam es 1852, als die grosse 
Künstlerin auf der Wiener Hnfbfihne gastirte, nach 20jähriger Ruhe 
wieder zur Aufführung und welch' ein Erfolg ward dem Stücke, das 
seit diesem Abend der deutschen Bühne zurückerobert ward! — Ver- 
gleiche darüber: Hormayr's Archiv für Geschichte, Statistik 

1831, S. 219 u. f. (Ausführliche Besprechung des Trauerspiels.) — 
Blätter för literarische Unterhaltung. 1840, Nr. 210. — Abendblatt zur 
Neuen Mfinchener Zeitung. 1856, Nr. 250. Ein Auszug daraus in der 
„Donau" (Wiener polit. Blatt) 1856, Nr. 199. — üeber das eigen- 
thümliche Schicksal dieser Liebestragödie an zwei verschiedenen 
Bühnen: Wien und Dresden, an denen beiden die „Hero^^ von Frau 
Bayer-Bürck gespielt wurde, siehe das „Oestr. Familienbuch^^ IlL 
Bd. S. 376 u. 377 von H. Laube. — Auch von diesem Stücke ver- 
anstaltete Wenzel Pok eine cechische Uebersetzung, welche im J. 
1855 im Prager (^echisehen Theater gegeben wurde. 

7. Der Tranm ein Leben. Zum ersten Male aufgeführt am 4. Oet. 1834 im 

Burg^heater. Bis zum Jahre 1848 ist es 50mal gegeben und 1850 
wieder aufgenommen worden, seinen früheren Zauber bewährend; 
noch heute ist es ein Lieblingsstück des Wiener Publikums, und 



54 

treffend bemerkt Laube, dass man in Rustan und Zanga einem hei- 
matblichen Faust und Mephisto begegne. — Vergleiche femer über 
dieses Stück: Wiener Zeitschrift für Literatur, Kun^t, Mode, herausgeg. 
von Schick h. 1833, S. 973 (Besprechung der ersten Aufführung).— 
B14tter für literar. Unterhaltung. 1840, Nr. .r'lO. — Theaterzeitung 
von Adolph Bäuerle. 1858, S. 804: „Grillparzer und der Herzog von 
Rivas*' (wird die irgendwo au^^gesprochene Ansicht, G. habe einem 
Stücke des Herzogs von Rivas „El desenganno en un suenno^^ d. i. 
Die Enttäuschung in einem Traume, das Sujet seines „Traum ein Le- 
ben'^ entnommen, mitgetheilt und diese Ansicht treifend mit der FYage 
abgethan, ob denn nicht der Herzog von Rivas der Dichtung G.s 
den Stoff für sein Stück entnommen habe; was auch der Fall sein 
soll). — 
8. Weh' dem, der iDgt. Zum ersten Male aufgeführt am 6. M&rz 1838 im 
Burgtheater. Obwohl drei Jahre früher der Dichter ein Werk darge- 
bracht, worüber das Publikum in Entzücken gerieth, so Hess es doch 
dieses neue Stück unbarmherzig misshandeln. Es hatte dieses geist- 
reichste Stück des Dichters nicht verstanden, wozu die verfehlte Auf- 
führung wesentlich beitrug. — Vergleiche über das Stück: Morgen- 
blatt (Stuttgart, 4^) 1838, S. 412: „Grillparzer's Lustspiel'' (in einer 
Gorrespondenz aus Wien). — Blätter für literarische Unterhaltung. 
1840, Nr. 210- — Der Adler, herausgeg. von Gross- Hoff! nger 
(Wien, gr. 4*.) 1838, Nr. 235- *— Der Humorist, herausg. von M. 
G. Saphir. 1838, Nr. 40 (10. März). — Wiener Zeitschrift, herausg. 
von Witthauer. 1838, S. 251- — Eine böhmische Uebersetzung des 
„Weh' dem, der lügt" von J. K. T. erschien unter dem Titel: „Beda 
Ihäfüm, aneb: kuchtik biskupa Velehradskdho*' (v Ilradci Vrkl. 1839); 
sie war zuerst im Unterhaltungsblatt ..Kv^t*' 1839 abgedruckt: der 
Uebersetzer ist Jos. Cajetan Tyl. 

9. LihUBM. Vorspiel. Aufgeführt am 29. November 1840, dann im Quaitheater 

am 5. Mai 1861. Vergleiche darüber: Vaterland. (Wiener poUt Blatt.) 
1861, Nr. 106 im Feuilleton: y,Libussa, von Frauz Grillparzer.^ (Be- 
sprochen von sp (eidel?) Daselbst heisst es u. a.: «,In sein richtiges 
Licht würde dieses Vorspie) erst durch die Rückstrahlungen des 
Hauptdramas gestellt werden. Reizende Einzelheiten indessen, feine 
Züge, wohl berechnete Wirkungen und ein ungewöhnlicher Stimmangs- 
zauber sind auch in dieser Arbeit, wie kaum erst zu versiehern, nicht 
zu vermissen.'' 

10. Die „Esther", aufgeführt zum ersten Male in einer Akademie am 29* 
März 1868. Vergleiche darüber: Neue freie Presse. 1868, Nr. 1288, im 
Feuilleton: ^.Grillparzer's Esther,* besprochen von Heinrich Laube. 
Laube will dieses Fragment nicht als Fragment gelten lassen. ^Ist 
es denn eines? Ich finde, die Vorstellung hat es erwiesen, dass hs 
ein Stück ist, nicht ein Fragment. Einige breitere Vorbereitungen im 
ersten Akte, welche allerdings für ein längeres Stück angelegt sind, 
brauchen nur abgekürzt zu werden, und es entstt-ht auch die wfln- 



53 

üchenswerthe Symmetrie und ein zweiaktiges StQck ist abgerundet. Es 
liegt da seit )angen Jahren beim Dichter als Fragment, weil der Dich- 
ter klar oder unklar empfunden hat, dass er sich mit dieser grossen, 
und was die Hauptsache ist, mit dieser abschliessenden Liebesscene 
die Fortsetzung erschwert, wenn nicht vergeben hat. Ich meine: ver- 
geben. Die höchste Karte ist ausgespielt, was kann nun kommen? 
Prüfungen? Rüekg&nge? Sie werden abfallend, nicht steigend er- 
seheinen, und so wie König und Esther angelegt sind, müssen sie 
schliesslich doch yereinigt werden, oder es muss ein Trauerspiel ent- 
stehen, dessen wohlthuende Kraft nicht abzusehen ist nach dem was 
vorliegt.^ Und so h&tte denn endlich, schliesst Laube seinen geistvol- 
len Bericht über die AufTOhrung, die Saison einen poetiaohen 8oR- 
iienblick gewonnen, und der ihn gespendet, heisst wiederum Franz 
Grillparzer, Oeeterrelchs Stolz und Erguickung.** 

VL Zerstrente Achtungen Grillparzer's. 

Da eine Sainmlnng von Grillparzer's Gedichten nie erschien, so dürfte dieser 
freilich nicht ganz vollständige Nach weis von Gedichten, die in Zeit- 
schriften und Almanachen seit Jahren abgedruckt waren, den vielen Ver- 
ehrern seiner Muse nicht unwillkommen sein: In der Agiaia. Taschenbuch 
(Wien, Wallishausser, 16*.) 1819: „An einen Freund" (S. 149); — 
„Des Kindes Scheiden" (S. 202); — 1820: „An Bellinen, bei üeber- 
sendung einer Spielschuld" (S. 132); — „Erinnerung*' (S. i76); — 
„Abschied von Gastein" (S. 214) : — „Kennst du das Land?" (S. 286) ; 

— „Zwischen Gaeta und Kapua" (8. 291): — „Am Morgen nach 
einem Sturm" (S. 293); — 1821: „Der Genesene" (S. 12); — „Früh- 
lingsgedanken" (S. 62); -- „Die Wunderbrunnen" und „Auf eine ge- 
schenkte Schale" (S. 161); — „Werbung" (S. 172); — „Vorzeichen" 
(S. 262): — „Abschied" (ß. 285); — „Beruhigung" (S. 297); — „Am 
Hügel" (S. 300); — 1822: „Die tragische Muse. Vor Vollendung des 
Trauerspiels Medea" (S. 3); — „Das Spiegelbild" (S. 13);— -„Schalk- 
heit" (S. 80)'; — „Als sie zuhörend am Ciavier sass" (S. 125); — 
..An der Wiege eines Kimles" (S. 178); — „Allgegenwart" (S. 243)i 
— 1825 : „Versäumt" (S. 257);— „Todeswund" (S. 258);— 1827: „Decem- 
berlied" (S. 161); — „Entzauberung" (S. 162); „Bitte" (S. 163); — 1828: 
„DasKlosterbeiSendomir,"Erz&hlung(S.65);— „Beethoven"(S.210); — 
1829, ..^Spaziergänge^ : I. Bachesgemurmel; 2. PAanzenwelt; 3- Im 
(ie wächshause; — in der Thalia. Herausg. von J. N. Vogl (Dirn- 
bock 1852 (XXXIX. Jahrg): ^Bretterwelt" (S. 246); — 1853 
(XL. Jahrg.): „Wanderscenen" (S. 239); — 1855 (XLII. Jahrg.); 
.,Eln Hoehzeitgedicht" (S. 177): — 1856 (XLIII. Jahrg,): „Alma von 
Goethe" (S, 157); — „Lebensregel" (S. 224); — 1857 (XLIV. Jahrg.): 
„Böses Wetter** (8. 156); 1859 (XLVI. Jahrg.): „Naturscene* (S. 180) ; 

— „Intermezzo" und „Ablehnung" (S. 181); „Reiselust" (S. 182); — 
in der Vesta, Tasehenbueh für Gebildete (Wien, F. Ludwig) 1831 



56 



(I. Jhrg): „Die Begegnung" (S. 105); — 1834 (IV. Jahrg.): „Die 
Unschuld" (S. 8); - 1835 (V. Jahrg.) S. 23—50: „Tristia ex Pento* ' 
1. Böse Stunde; 2 Polarscene; A- Frühlings Kommen; 4. Reiselust; 
5. Der Fiseher; 6. VorwQnschong; 7. Verwandlungen; 8. Die Porträt- 
malerin; 9- Trennung; 10. Sorgenvoll; 11. Ablehnung; 12. Inter- 
mezzo; 13. Noch einmal in Gast ein; 14- Naturscene; 15- Jugend- 
erinnerungen im GrQnen; 16- Freundeswort; 17- Schlusswort; im 
Album 5str. Dichter (Wien 1850, PfauUch u. Voss, 8®.) I. Serie • 
„Abschied von Gastein" [1818] (8. 108), auch in der Zeitung für die 
elegante Welt 1820, Nr. 105; — „der Bann" (S. 109): — (S. 109); 
„Werbung" (S. 111); — „Kennst du das Land-' |M&rz 1819] (S. 112)^ 

— „Die Ruinen des (üampo Vaccine" (S. 113), auch abgedruckt in 
Karl August Schimmer: Kaiser Joseph II. (Wien 1853, Dirnböck) 
5- Aufl. S. 318 unter dem Titel: Alt- und Neu-Rom: — „Am Mor- 
gen nach einem Sturm" (S. 118); — „Incubus" (S. 118); — „Beet- 
hoven" [1827] (S. 120); — „Trennung", aus dem Cyclus: Tnstia 
ex Ponte (S. 124); — „Abschied von Wien" [1843] (S. 126); — 
„Mein Vaterland, Milrz 1^48" (S. 127); — „Feldmarschall Radetzky" 
[Juni 1848] (S. 128); — .,Epigrammatisches" (S. 130); [An eine 
welsche Sängerin; Beruhigung; der radicale Dichter: Pöbelliteratur]; 

— Jenny Lind (S. 131); in der Beilage zu Dr. L. A. FrankTs 
Sonntagablättern 1844- S. 801: „Euripides an die Berliner"; — im 
Sonntagsblatt 1842, S. 138: „Schweigen": — im Wanderer 184, S. 573: 
„Licht und Schatten"; — im Conversationsblatt, herausg. von Franz 
Gräffer 1819, Bd. 2, Nr 31: „An eine matte Herbstfliege" 1821, Nr. 
26: „Epilog nach den ersten beiden Abtheilungen des dramatischen 
Gedichtes: „Das goldene Vliess' ; in Horffiayr*8 Archiv für Geschiohte 
u. 8. w. (Wien, 4*.) 1824, S. 814: „Fremdenbuchverse Grillparzer's"; 

— in der Iris (Grazer Mode- und Musterblatt) 11. Jahrg. l. Mai: 
„Joseph von Spaun"; XVI. Jahrg. (1864) Nr. 5: „Epigramme"; — 

— im Salon, herausgeg. von Johannes Nord mann 1853, 7. Heft: 
„Entsagung"; — 1854 Jänner, S. 10: „Einf&lle" [epigrammatischen 
Inhalts]; — in der Wiener Zeitsohrifl, herausgeg. von Witthauer 
184, S. 28: „Clara Wieck und Beethoven" (F-Moll-Sonate); — in den 
Lemberger Leseblättern, herausg. von Dr. Moriz Rappaport 1843: „Der 
Gegenwart";— in Braun v. Braun thals Oesterr. Masenalmanach für 
1837: „Die Vision" (Gedicht auf die Genesung des Kaisers Franz I.), 
in vielen Journalen des In- und Auslandes nachgedruckt; — im Oestr. 
Volksboten, herausg. von Schrittwiesser 1849, Nr. 277: „Dem 
Banus'-; — im Pesther Sonntagsblatt herausg. von Heinr. Ritter von 
Levitschnigg. 1855, S. 650: „Einem Soldaten" von Franz Grill- 
parzer; — in Lembert's Taschenbuch fOr Soha uspieier u. Schao- 
spielerinnen. IV. Jahrg.: „Monolog;"— Im lllustrirten Familienbuch 
des österr. Lloyd. (Triest, 4®) Hl. Jahrg. S. 22: ^Appellation an die 
Wirklichkeit'':— in Bänerle's Theaterzeitung. 1858, Nr. 150: „Grill- 
parzer's Verse, die er unter sein Bildniss von Kriehuber schrieb;* — 



67 

10 der Tagespost. (Grazer polit. Blatt.) 1860, Nr. 88: ^Epigramm^; 

— in der ConetitHtlonellen Seterr. Zeitnng. (Wien, Fol.) 1862, 
Nr. 538: ^Neujahr 1833. Als der Thronfolger (nachmals Kaiser Fer- 
dinand I.) die Gesundheit wieder erhielt^; — in der fata Morgana. 
(Pester belletr. Blatt) Herausg. Yon Fräulein Czigler von Eny-Vecse. 
1864, Nr. Tom 3. Juli: Epigramm; ~ in der Neuen freien Preeee. 
1868, Nr. 1561: In das Album der Frau Iduna Laube. — 1870, 
Nr. 2016: „Gold und Silber^. (Zur silbernen Hochzeit des Bankiers 
Todesco); — im Fremden- Blatt. Heransg. von Gustay Heine. (Wien, 
4*.) 1869, Nr. 7: In das Album von Franz Wallner; — 1869, 
Nr. 134: „Das Nationalit&ts-Princip.^ (Enthält zwei Epigramme Grill- 
parzer's, welche in der „Süddeutschen Zeitung^ abgedruckt waren); 

— in der Tagee-Preese. (Wiener polit. Blatt.) 1870, Nr. 177 im 
Feuilleton: „Vom Dichter der Esther^ von Bimini befinden sich Al- 
bumverse für Frau von Binzer (Ernst Ritter) und ein Epigramm 
au( Hebbel und Wagner; — in den Ostländiichen Blättern und im 
Figaro, herausgg. von Spiritus Asper dem Jüngeren. 1837, Nr. 101 — 
104: „Das Kloster von Sendomir. Nach einer als wahr überlieferten 
Begebenheit," und wieder gedruckt in J. J. 0. Pappe's Lesefrüch- 
fen (Hamburg 8.) 1827, IV. Bd., 23- und 24. Stück;— in der Wiener 
Zeitung. 1869, Nr. 11, S. 156: „Eine ästhetische Studie von Franz 
Grillparzer," mitgetheilt von Em^il) K(uh). 

VH (kdichte an Qrillparzer. 

Agiaja. Taschenbuch für das Jahr 1820, S. 290: „An Grillparzer'' von 
Zedlitz. — Zeitung für die elegante Welt. 1820, Nr. 246: ,,An 
Grillparzer^^ von Ernst von Houwald. — Ein geistvolles Impromptu 
an Grillparzer trug Frz. Witthauer bei der dem Dichter zu 
Ehren veranstalteten Feier am 15. Jänner 1844 vor, welches in sei- 
ner Biographie im „Album Östr. Dichter^^ I. Serie, S. 104 mitgetheilt 
wird. Bei dieser Gelegenheit feierten auch Bauernfeld, Gaste lli, 
Halm u. A. den Dichter in poetischen Spenden. Die Beschreibung 
dieses Dichterfestes aber siehe: in L. A. Frank Ts Sonntagsblättem 
1844 (III. Jahrg.) S. 65 und Bäuerle's Theaterzeitung (XXXVII. 
Jahrg.) 1844, Nr. 16. — Wanderer 1844, Nr. 290: „An Grillparzer'^ 
von Fz. Mi 11 mann. — Das Hormayr'sche Archiv für Geschichte 
etc. enthält auch zwei grössere Gedichte an ihn, eines von V. Gana- 
val, das zweite von Joseph Fick. Wenn ich nicht irre, beide im 
Jahrg. 1825, S. 167 und 195. — Die Abendzeitung von Theodor 
Hell brachte bald nach Erscheinen der „Sappho^' um das J. 1818 
folgendes Doppeldistichon auf G.: 

Ihm, der die Ahnfrau schuf mit der Sappho, schwellte die Segel 
Früh ein günstiges Glück, spendete Ruhm ihm und Gold. 
„Dass sein Schiff nicht zerscheir ob Fortuna's Launen wer schwört d'rauf?-^ 
Mag's doch; ein treuer Delphin rettet ihn wieder an's Land. 



58 

Iris. (Grazer Moden- und Musterblatt) IV. Jahrg. 1852, Nr. vom 1. Febr.: 
^An Grillparzer.'' Von Emilie Door.-Wiemr Theater-Chronik. 1862, 
Nr. 24: ..An Franz Orillparzer.^ — Botschafter. (Wiener polit. Blatt) 
1863, Nr. 14 im Feuilleton : «An Qrillparzer.^ Von Joseph Weilen. 
(Ich habe diesem stimmungsvollen Gedichte das Motto entnommen, 
das auf dem Umschlagtitel steht) — Ludw. Aug. FrankTs Epioehe HHd 
lyrische Dichtungen (Wien 1833, Sollinger, 8®) enthalten auch ein 
Gedieht an Grillparzer; ein zweites an ihn von demselben Dichter ist 
im J. 1849 als fliegendes Blatt belcannt geworden. — Endlich findet sieh 
in den Gedichten von Gr&fin Wilhelmine Wiclcenburg (geb. 
Almisy) ein Gedicht auf Grillparzer, als Antwort auf seinen „Ab- 
schied von Gastein^S — 

VnL Porträt, Ansicht seines (kbnrtshatiseB, Medaille, 

Eandschiift. 

Porträte: 1. Facsimile der Unterschrift: Franz Grillparzer. Grilihofer del. 
Kotterba sc. [war eine Kunstbeilage des Taschenbuches „Gedenke 
mein^^ und des „Albums österr. Dichter I. Serie.] — 2. Lithographie 
von Kriehuber (Wien. Spina, Fol.) Unter dieses aus dem Jahre 
1858 stammende Bildniss von Kriehuber's Meisterhand schrieb der 
Dichter gleichsam als seinen ästhetischen Wahlspruch folgende Zeilen: 

Endlos ist das tolle Treiben, 

,^ Vorwärts, vorwärts,** schal U\s durch's Land, 

Ich möcht' aber stehen bleiben, 

Da wo Goethe, Schiller stand. — 

3. Lithogr. von Aug. Seib (Wien, Neumann, kl. Fol.) — 4. Facsimile der 
Unterschrift. Stahlstich von Weger und Singer (Leipzig. Baumgärtner, 
4®); erschien auch als Kunstbeilage zur „Allgemeinen (Leipziger) Mo- 
denzeitung^S herausg. von Di ez mann. Eine Oopie dieses Stahlstiches 
von Klimt lith. brachten die Prager ,,Erinnerungen^^ — 5- F. DanhaMSor 
del. F. Stöber sc. (Wien 1840, 8®) - 6. Facsimile der Unterschrift: Franz 
Grillparzer. A. Dauthage 1853. Nach der Natur gez. u. lith. Gedruckt 
bei J. Höfelich. Folio. -- 7- Auch in München erschien ein, aber sehr 
unähnliches Porträt von Grillparzer. — 8. Ein Porträt G.s in Oel 
gemalt von Aigner — den Dichter in Lebensgrösse vorstellend — be- 
findet sich im Besitze des Hofschauspielers Ludwig Lö we- 
in Holzschnitt ausgeführte Bildnisse Grillparzer's brachten die Blätter: 
9. Von Haus zu Haus. (Prag, Kober, 4®.) 1860, in Nr. 20, S. 252 von 
A. N. (Aug. Neumann). — Die Mussestunden. (Wien, Waldheim, 4*.) 
1869, S. 57 0. A. d. Z. u. X. (schön geschnitten, aber nicht sehr ähn- 
lich). — 11. Waldheim's Illustrirte Zeitung. (Wien, Fol.) 1862, Nr. 5 
0. A. d. Z. u. X. — 12. Illustrirte Zeitung. (Leipzig, J- J. Weber, 
kl. Fol.) 1868, Nr. 1288, S. 160 von W. (sehr ähnlieh). 
Ansieht seines Gebnrtehauees. Eine solche brachte im Holzschnitt aus- 
geführt die Leipziger Illustrirte Zeitung Nr. 917 vom 26. Jänner 1861. 



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Das Haus steht in der Stadt auf dem Bauernmarkt Nr. 585 (neu 10) 
-,zur goldenen Wage"*. 

Anaicht seines Arbeitszimmers. Dasselbe nahm der durch seine Reisen 
nach Serbien und deren Beschreibung bekannte, l&ngere Zeit als 
Zeichner der Leipziger lllustrirten Zeitung thfttige Kftnstler Kanitz auf. 
Derselbe, Mitglied der Gesellschaft ^Die grQne Insel^, Hess von dem 
Original seiner Zeichnung für die Mitglieder der Gesellschaft mehrere 
Copien photographisch aufnehmen. In den Handel ist das interessante 
Blatt meines Wissens nicht gekommen. 

Medaille. Zur Feier des 50. Geburtsfestes des Dichters (1841) wurde ihm zu 
Ehren von J. Schön eine Medaille geprägt. Sie zeigt auf dem Avers des 
Dichters BQste mit der Umschrift: FRANZ GRILLPARZER GEB. D. 
Id. JAENNER 1791 IN WIEN. Auf dem Revers eine mit einem Lor- 
beerkranze umwundene Harfe mit der Legende: VON SEINEN 
VEREHRERN ZUR FEIER DES 15. JAENNER 1841. 

Handschrift: Adolph Henze in seinem: Die Handschriften der deutschen 
Dichter und Dichterinnen . . . (Leipzig 1 855, Schlicke, 8®.) S. 52 charak- 
terisirt G.s Handschrift folgendermassen : ,,FlugfAhige, kraftvolle 
Zöge, aber nicht frei von Hof-Reminiscenzen.^^ (!) 

□L Etliche Albnmblätter und Zenien von Qrillparzer. 

In das „Rad etzky-Album^^ schrieb G. folgende Worte: 

Was wundert ihr euch, dass er Wunder thut? 

Er, der ja selber ein Wunder, 

Der im Alter, das sonst hinter'm Ofen ruht. 

Noch heiss von der Jugend Zunder. 

Spart euer Wundern noch manches Jahr 

Bis er, statt achtzig, hundert, 

Bis grau seine Kraft, wie leider sein Haar, 

Jetzt, statt euch zu wundern, bewundert! 

— In das „deutsche Stammbuch^' von Schlodtmann 1853 schrieb G.: 
„Wollt ihr die Freiheitsglut curiren. 
Die gern so heiss in unsern Dichtern brennt, 
Braucht ihr nicht Mittel lang erst zu probiren. 
Gebt ihnen als Specificum: Talent. 
Wien, 3 Mai 1852. 

Hier folgt noch eine kleine Blumenleso von Epigrammen, welche Grillpar- 
zer zum Verfasser haben, oder ihm zugeschrieben werden. 

Das Werk ^Sophie Schröder, wie sie lebt im Gedächtnisse der Zeitge- 
nossen,^ tragt als Motto auf dem Titelblatte Grillparzer's Verse: 

„Zwei Schröder, Frau und Mann, 

Umgrenzen unseres Drama's hohem Lauf; 

Der Eine stand in Kraft, als es begann, 

Die And're schied, — da hört's wohl, furcht' ich, auf." 



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In der „Grazer Iris^^ standen im Jahre 1884 folgende zwei reizende Xenien: 

Publikum. 

„Thun sieh des Theaters Pforten auf, 
Strömt ein der Pöbel in vollem Häuf; 
Da ist es denn des Dichters Sache, 
Dass er ein Publikum aus ihnen maehe/^ 

Rangordnung. 

„Was edle Poesie 
So hoch ror Allem stellt? 
Sie ist der ganze Mensch 
Und auch die ganze Welt!^^ 

Das Pester Blatt ,,Fata Morgana" enthält im Jahre 1864 das Epigramm: 

„Unsere Kritiker, die neuen, 

Vergleich' ich den Papageien: 

Sie haben drei oder vier Worte, 

Die wiederholen sie an jedem Orte; 

Antik, romantisch und modern 

Scheint schon ein Urtheil diesen Herrn, 

Und sie vergessen in stolzem Muth, 

Die wahren Gattungen: schlecht und gut^^ 

Im Jahre 1865 circulirte nach dem in Oesterreich ausgesprochenen Dualis- 
mus in Wien unter dem Pablikum eine politische Xenie, für deren 
Verfasser G. allgemein gehalten wird: 

An Oestreich. 

„Ihr östreichischen Menschen und Geschöpfe, 
Oesterreichs Adler hat wieder zwei Köpfe; 
Mir wäre lieber er hätte nur einen, 
Wenn's weiter so geht, hat er bald gar keinea.^^ 

Dem jetzt in Graz lebenden ehemaligen Schauspieler und Theaterdirector 
Franz Wal In er sandte G. folgendes Albumblatt: 

„Wohl dem Künstler, der Bildung hat. 
Mit einer Bedingung indessen: 
Wenn es kommt zur gestaltenden That, 
Muss er seine Bildung vergessen.^' 

Zwei Xenien, in welchen G. den Nationalitätenschwindel geisselt, brachte 
im Jahre 1869 die Süddeutsche Zeitung. Dem Dichter und Politiker 
Grillparzer — denn G. ist auch Herrenhaus mitglied — steht die Staats- 
idee über dem Nationalitätsprincip, worin er nicht nur für sein Vaterland 
Oesterreich, sondern überhaupt für die Welt und CuUur der Mensch- 
heit Recht hat Die erste Xenie lautet: 



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,^Za Aesop's Zeiten sprachen die Thiere, 
Der Menschen Bildung war so die ihre; 
Da fiel ihnen mit einem Male ein. 
Die Stammesart, sie sollte das Höchste sein. 
„Ich will wieder brummen,'* sagte der B&r, 
Zu heulen, war des Wolfes Begehr, 
Nur wer bellt, schien dem Hunde bra?. 
Und blocken nur wollte das Schaf. 
Da wurden allmälig sie wieder Thiere 
Und ihre Bildung — der Bestien ihre/* 

Die andere aber: 

„Ein Vorzug ward uns nicht verloren, 
Sie nennen*s „Nationalität'*; 
Die sagt, ein Mensch sei irgendwo geboren; 
— Was freilich sich Ton selbst t ersteht" 

Mnem dramatischen Dichter (Weilen?) schrieb er für dessen Braut 
in*8 Album: 

„Ich preise dich und ohne dich zu kennen. 
Das möchte Mancher yorsehnell nennen. 
Und h&tte doch Gott weiss gefehlt, 
Ich kenn' doch den, der dich gew&hlt" 

Und der Baronin £. (Ebner) auf die erste Seite eines neuen Albnms: 

„Am Eingang steh' ich hier, 
Doch schon dem Ausgang nah\ 
Und spreche stumm zu dir, 
Die ich noch niemals sah. 

• 
Ein Pförntner will ich sein 
Für kflnfl'ger Freunde Schaar, 
Und lass' ich Jemand ein. 
So sei er treu und wahr." 

Aaf Wagner und Hebbel schrieb G. folgendes Sinngedicht: 

„Richard Wagner und Friedrich Hebbel 
Tappen beide im romantischen Nebbel, 
Das doppelte B gefüllt dir nicht? 
Ja, mein Frennd! der Nebbel ist dicht" 

Aus einer Folge epigprammatischer „Einf&lle" aus früherer Zeit w&hlen wir 
zum Schlüsse nachstehende: 

Der Knnstricbter. 

„Er steht am Gestade der Poesie 

Und schaut wie sie schäumt durch die Riffe, 

Er schaut, bis sie ihm sehwindelnd zu Kopfe steigt, 

Sie stehe, er selbst aber schiffe." 



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Stammbficher. 

„War's nicht genug an Journalisten, 
War's nicht gentig an Reeensenten, 
Den Söhnen Kain's mit Mörderhänden? 
So mnsste Gott, den Dichtern zärnend. 
Die doch entsprosst aus Abel's Lenden, 
Die Sfindflut noch der Albums senden.'^ 

Politik. 

„Sie seh*n die Flut den Schlamm Ton Grund auf mischen, 
Und jeder zittert selbst vor der Gefahr; 
Sie Alle möchten gern das Wasaer klar, 
Doch Torher noch im Traben fischen." 

Z. Ghnllparzer-Feste und andere dem Dichter dargebrachte 

öffentliche Hnldignngen. 

Das erste Grillparzer-Fest, an welchem Alles was in der Schriftsteller- 
und Künstlerwelt Wiens einen Namen hatte, über 90 Mitglieder, sich 
betheiligten, fand am 15- JAnner 1844 in der Goncordia, einem 
Schriftsteller- und Künstler verein in Wien, über Anregung des Dr. 
Lud. Aug. Frank 1 statt. Die Feier begann mit der Enthüllung des von 
Waldmü-ller gemalten Dichterbildes und einem von Castelli gespro- 
chenen Prolog Friedrich Kaiser^s, worauf nun Declamations- und Lie- 
dervorträge, Toaste, Vorzftigungen von Zeichnungen u. s. w. folgten. 
Eine ausführliche Beschreibung der Feier brachte die BAuerle'sche 
Theaterzeitung, 1844, Nr. 16: „Ein Diehterfest,^^ und in neuester Zeit 
eine Erinnerung daran das von Pappenheim herausgegebene Oester- 
reichisehe Handels-Journal 1870, Nr. 3 im Feuilleton. 

Die nAchste Feier dem Dichter zu Ehren wurde 16 Jahre später anläss- 
lich seines 70. Goburtsfeates. am 15- Jänner 1860, von der Künstler- 
gesellschaft .,die grüne InseP* in der sogenannten Lothringerburg 
(einer ebenerdigen Üalle im Hause zum Lothringer auf dem Kohlmarkt) 
begangen. Der siebzigjährige Dichter, seit diesem Tage Ehrenmit- 
glied der Gesellschaft, wohnte dem Feste in Person bei Auch da 
wechselten Ansprachen, Vorträge. Toaste, Gesänge in sinnigster Weise 
untereinander ab. Heinrich Laubo hielt an die Versammlung eine 
begeisterte Ansprache, in welcher er in wenigen aber kräftigen Worten 
das Bild des edlen Dichtergreises zeichnete. Eine Beschreibung dieses 
Festes und seiner Ein/.elheiten brachte die ,,Schlesische Zeitung^^ in 
Breslau, 1860, Nr. 31, im Feuilleton: ,,Grillparzer's 70- Geburts- 
fest'^ und die „ostdeutsche Post^^ 1860, Nr. 17. Im folgenden Jahre 
überreichte ihm die Gesellschaft durch eine Deputation, zu der 
auch Schreiber dieses gehörte, eine Zeichnung seines Arbeitszimmers, 
welche Maler Kanitz ausgeführt hatte. — Von nun an wurde der 
Grillparzertag (15- Jänner) jährlich durch irgend eine geistige 



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Manifestation — gewöhnlich durch Feuilletonartikel in den grossen 
Journalen Wiens, darunter einige mit begeisterter Wftrme von Emil 
Kuh geschriebene^ welche eine Würdigung des Dichters oder sonst 
auf ihn bezügliche Darstellungen enthielten — festlich begangen. 
Im Jahre 1864 verlieh die Commune Wien dem Dichter das Ehrenbflrger- 
recht. Das prachtvoll ausgestattete Diplom, von Altenburger kalli- 
graphirt von 6 roner gebunden, Wurde dem Dichter von einer Depu- 
tation der Commune überreicht, welche Bürgermeister Zelinka vor- 
fahrte. (Wiener Zeitung 1864 des II. S. 163, — Presse 1864 Nr. 15 
Abdbl.) — Auch überreichten ihm im nämlichen Jahre der akademische 
Lese verein, der akademische Gesangverein und der Studentenkranken- 
verein Wiens eine Huldigungsadresse (Fremdenblatt 1864 Xr. 14-) 

— Im J. 1865 brachte die Stadtgemeinde Baden dem Dichtender seit 
Jahren Baden zu seiner Sommerfrische gewählt, ihre Huldigung durch 
Verleihung des EhrenbQrgerthum^ dar. (Qrazer Zeitung 1865 Nr. 252.) 

— Im J. 1866 wiederholte die akademische Jugend Wiens ihre Hul- 
digung und der akademische Leseverein überreichte dem Dichter eine 
Beglückwünschungs- Adresse (Presse 1866 Loc.-Anz. Nr. |3 im Frem- 
denblatt 1866 Ni. 13) und eine solche brachte auch die Lesehalle der 
deutschen Studenten in Prag dem Dichter dar. (Fremdenblatt 1866 Nr. 25. ) 

Gross sind die Vorberekungen zur Feier des 80. Geburtsfestes am 15. Jann ., 
1871, die, soweit dieselben bisher in das Publikum g-iirungen. '^u ^^ U 
gendem bestehen sollen: Ein Frauen-Comite, das sich auss«^ i«' ^lich 
zu diesem Zwecke in der Residenz gebildet, hatte ursprünglich die 
Absieht, dem Dichter ein Pracht-Album mit Darst* ilungen ^ - schie- 
dener Scenen aus seinen Werken, von der Kfinstlerhand St\ vvind's 
ausgeführt, zu überreichen. Wegen anhaltenden Leidens dt- Künstlers 
musste jedoch dieser Gedanke fallen gelassen werden. Soh'u bes'hloss 
das Comite einen durch Sammlung unter den Frauen V jens aufzu- 
bringenden Betrag von mindestens zehntausend Gulden /u einer Grill- 
parzer-Stiftung zu verwenden. Die Interessen dieses ' apitals sMlen 
nach dem Muster der König Wilhelm-Stiftung in Berlin, von welcher 
bereits drei Dichterwerke (von Geibel, Lindner und Hebbel) betho'lt 
wurden, jenem Poeten zuerkannt werden, der inneriialb drei Jahnui 
das beste Drama geschrieben. Jedoch wird für alle näheren Besti - 
mungen dieser Stif^un^ Orillparzer's Wunsch massgebend sein. 
Ferner lAsst das Comite dem Dichter zu Ehren eine goldene Medaille 
mit dem Bildniss desselben prägen. — Die Schriftstellergcsellschaft 
Concordia lässt eine Büste des Dichters in Cebcrlebensgrösse und in 
Bronze von Leopold Sehröde 1, einemWienerundSchüler Riet sehe Ts, 
anfertigen, deren Bestimmung ist, im Foyer des künftigen Tlofschauspiel- 
hauses der Residenz aufgestellt zu werden. Die feierliehe Aufstel- 
lung des Modells findet am 14. Januar 1871 statt. 

Du* Künstlergesellschaft „Grüne Insel,^ feiert den dem Geburtstage des 
Dichters vorangehenden Dienstagabend durch eine Festrede, welche 
den Lebensgang und das Schaffen des Dichters darstellt, mit deren Ab- 



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fassung der Verfasaer dieser Schrift, die eben als Festschrift anzusehen, 
betraut ist, and Qberreicht dem Dichter, als Ehrenritter der Gesellschaft, 
eine kunstvoll ausgeführte Adresse. 

Der Schiller verein „Glocke^^ veranstaltet am 14- Januar eine Akademie, 
deren Vortragsstücke sind: ein Prolog von Weilen, Lieder mit Text 
Ton Grillparzer, Musik von Schubert, Hören, Deelamationen Grill - 
parzef scher Gedichte, eine Festrede von Ludwig Foglar u. s. w. 

In den Theatern wird am Vorabende des Festtages gegeben, in der Burg 
„Sappho^^ mit einer eigens für diese Feier gedichteten Seene von 
Friedrich Halm; im Theater an der Wien „die Ahnfrau^^ mit einem 
Prolog Ton Ludwig August Frau kl. 

Ausserdem Huldigungsadressen, Beglück wünflchungen u. s. w. der ver- 
schiedenen Vereine. 

Auch in anderen St&dten der Monarchie werden Huldigungen für den 
edlen Dichter vorbereitet. Die Universit&t Innsbruck verleiht ihm das 
Ehrendoctor-Diplom, die Prager Schriftsteller gründen Grillparzer za 
Ehren eine Concordia nach dem Muster der Gesellschaft, die 
in Wien unter diesem Namen besteht Seit einigen Tagen bilden 
die Vorbereitungen zur Grillparzerfeier eine stehende Rubrik in den 
Wiener Journalen. 






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Draek udiI Pipler von L. Sommer A Comp. In Wien.